Antikörperinfusion lässt HI-Viren monatelang schlummern

Kölner und New Yorker Wissenschaftler konnten HI-Viren mit einer Antikörperinfusion mehrere Monate in Schach halten. Der neue Therapieansatz lässt hoffen, dass Infizierte künftig nicht mehr täglich Tabletten einnehmen müssen, um HIV zu kontrollieren.

3D Illustration des HI-Virus: Fast eine Million Menschen starben im Jahr 2017 an den Folgen der HIV-Infektion, die Auslöser der Immunschwäche AIDS ist. © Thinkstock

Mehr als 36 Millionen Menschen weltweit trugen im Jahr 2017 das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) in sich – fast eine Million Menschen starben an den Folgen der Infektion, die Auslöser der Immunschwäche AIDS ist. Bis heute gibt es weder eine Heilung noch einen Impfstoff gegen das Virus. Betroffenen bleibt meist nur eine sogenannte medikamentöse antiretrovirale Therapie (ART). Diese lässt die Viren schlummern, sodass sie sich nicht mehr vermehren können. Das reduziert Neuinfektionen und führt bei den Infizierten zu einer fast normalen Lebenserwartung. Doch brechen sie die Therapie ab oder nehmen die Medikamente nicht täglich ein, erwacht das Virus wieder. Schritt für Schritt setzt es dann wichtige Immunzellen außer Gefecht. Doch künftig könnten HIV-infizierte Patienten in bestimmten Situationen von einer neuen Therapiestrategie profitieren und wären damit nicht auf eine tägliche Tabletteneinnahme angewiesen: Einer Forschergruppe um den Virologen Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, und Wissenschaftlern der Rockefeller University in New York ist es jüngst gelungen, die Viren mit wenigen Antikörperinfusion mehrere Monate lang zu kontrollieren.

Jeder Antikörper für sich kann dem Ansturm der Viren nur eine gewisse Zeit lang standhalten

Florian Klein ist Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung © MedizinFotoKöln (MFK), Uniklinik Köln

Das menschliche Immunsystem erkennt in der Regel schnell, wenn körperfremde Erreger – sogenannte Antigene – in den Körper eindringen. Um diese abzuwehren, stellt es je nach Angreifer eine ganz spezifische Gegenwehr her: die Antikörper, die sich im Dienste des Immunsystems in den Kampf gegen die Eindringlinge stürzen. Bereits im vergangenen Jahr haben die Kölner Forschenden zwei Antikörper untersucht, die besonders effektiv im Kampf gegen die HI-Viren waren. 3BNC117 und 10-1074 heißen die beiden sogenannten breit-neutralisierenden Antikörper, die die Anzahl der Viren im Blut von HIV-infizierten Patienten deutlich verringern konnten. Doch auch sie haben einen Schwachpunkt: Jeder für sich kann dem Ansturm der Viren nur eine gewisse Zeit lang standhalten. Denn diese entwickeln nach und nach Resistenzen gegen ihre Kontrahenten.

Forschende schicken beide Antikörper gemeinsam in den Kampf

Das brachte die Forschenden auf eine Idee: Sie schickten die beiden Antikörper gemeinsam in den Kampf und testeten die kombinierte Gabe der beiden Antikörper an 30 HIV-infizierten Probanden. Das Ergebnis: Bei einer Gruppe von HIV-Infizierten, die zu Beginn der Studie keine antiviralen Medikamente einnahmen, führte die neue Therapie zu einer deutlichen und teils mehrere Monate anhaltenden Verringerung der Viren. In einer zweiten Gruppe bekamen nur Personen die neue Antikörperinfusion, die ihre zuvor eingenommenen antiviralen Medikamente aussetzten. Während es danach üblicherweise innerhalb weniger Wochen zu einem Wiederanstieg der Virenanzahl im Blut kommt, war das Virus bei vielen Studienteilnehmern auch noch mehrere Monate nach der letzten Infusion im Blut nicht nachweisbar.

Kombination der Antikörper hält die Viren langanhaltend in Schach

„Wir konnten zeigen, dass wir HI-Viren durch die Kombination der Antikörper über einen deutlich längeren Zeitraum in Schach halten können“, sagt Florian Klein. Doch das ist seinem Team noch nicht genug: Die Forschenden arbeiten intensiv daran, diese Ansätze weiter zu optimieren und dadurch die HIV-Prävention und Behandlung weiter zu verbessern. Dafür planen sie bereits weitere Studien zu breit-neutralisierenden Antikörpern.