„Antisemitismus wird wieder sichtbarer“

Hass auf Juden wird wieder öffentlicher ausgelebt. Antisemitismus-Forscherin Stefanie Schüler-Springorum erklärt im Interview, warum das so ist, und warum sie sich in einem neuen Projekt des BMBF zum gesellschaftlichen Zusammenhalt engagiert.

Eine Rose liegt auf dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Die Stelen des Denkmals erinnern an die ermordeten Juden Europas.

© Adobe Stock / Micha

Bmbf.de: Frau Schüler-Springorum, im vergangenen Jahr gab es mehrere Fälle von Übergriffen auf Juden, sogar Schläge mit dem Gürtel auf offener Straße. Ist der Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch?

Stefanie Schüler-Springorum: Auf dem Vormarsch nicht. Aber der Antisemitismus wird wieder sichtbarer, man kommt aus der Deckung. Menschen mit Ressentiments leben diese jetzt ungehemmter aus als früher. Auf der Straße, im Gespräch, aber vor allen Dingen im Internet. So eine Häufung hatten wir auch vor etwa 15 Jahren schon einmal. Damals konnte man das an den Zuschriften, zum Beispiel an den Zentralrat der Juden, gut erkennen. Die kamen plötzlich nicht mehr anonym, sondern mit vollem Absender. Jetzt ist der Antisemitismus erneut ein Stück salonfähiger geworden.

Woran liegt das?

Zu einem großen Teil an der Verrohung der Kommunikation durch das Internet und in den sozialen Medien. Auch gibt es allgemein eine größere Aggressivität auf der Straße. Das betrifft aber nicht nur den Antisemitismus, sondern den Rassismus ganz allgemein, Chemnitz war ein trauriges Beispiel dafür.

Hat sich auch die Einstellung gegenüber eigentlich unstrittigen Themen wie dem Holocaust geändert?

Auch hier denke ich, dass eher schon lange vorhandene Ressentiments nun öffentlich geäußert werden. Forderungen danach, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen, werden immer lauter – allerdings gibt es sie seit 1945. Dennoch: Diese Schlussstrich-Mentalität halte ich für gefährlich, weil sie zum einen Empathie verweigert, zum anderen historisch-politische Verantwortung negiert.

Stefanie Schüler-Springorum ist Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. © @Kirsten Niejhoff

Welche Schwerpunkte setzen Sie in ihrer Forschung derzeit?

Wir haben mehr als 25 Projekte, aber besonders wichtig ist uns im Moment die Untersuchung der Visualisierung von Antisemitismus. Wir untersuchen nicht mehr nur, wie er sich durch Texte ausdrückt, sondern zum Beispiel durch Karikaturen oder Plakate. Die Frage ist: Wieso stößt dies auf Resonanz? Warum sind Menschen gewillt, dem zu folgen? Welche Denkstrukturen liegen dem zu Grunde? Das hat viel mit Emotionen, mit Ressentiments zu tun, die eben visuell stärker angesprochen werden. Da gibt es noch einen großen weißen Fleck in der Forschung.

Sie arbeiten künftig als eine von elf Einrichtungen am neuen Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt mit. Worum geht es da genau? Kann man Zusammenhalt messen?

Aus meiner Sicht als Historikerin ist messen nicht möglich, die Kollegen aus den Sozialwissenschaften sehen dies jedoch oft anders. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Wunschbild, eine Vision, die in Deutschland historisch jedoch teilweise negativ gewendet wurde, was zu Ausgrenzung führte, nicht zuletzt in Form von Antisemitismus. Eine demokratische Gesellschaft lebt jedoch gerade vom Dissens, von der friedlichen Regulierung von Konflikten. Das neue Institut muss sich dieser Ambivalenz stellen und auf ein offenes, diskursives Verständnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt hinwirken.

Was versprechen Sie sich von der Kooperation?

Es ist eine große Chance für uns, auch mit Forschenden aus anderen Bereichen zu arbeiten. Die Antisemitismus-Forschung hat die Tendenz, sich in ihrer eigenen Blase zu bewegen. Das ist ein sehr geschlossener Diskurs. Jetzt haben wir die Möglichkeit, auch einmal „frische Luft“ zu atmen.

Welche Schwerpunkte werden Sie konkret setzen?

Wir werden drei wesentliche Bereiche abdecken. Zunächst geht es um die Frage, wie Ressentiments entstehen. Dann geht es um die Erinnerungspolitik, und in einem weiteren Schritt untersuchen wie Rolle von Religionen. Derzeit betrachten wir Religion so, als führe sie per se zur Ausgrenzung von Andersgläubigen. Dabei kann sie auch einen verbindenden Charakter haben, positive Ressourcen verstärken.

Hat sich der Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht wirklich zuletzt verschlechtert? Viele sprechen schon von einem Riss…

…ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt. Ich halte das zum Teil auch für herbeigeredet, für ein mediales Konstrukt, einen von Ressentiments gesteuerten Krisendiskurs. Es gibt auch als positiv wahrgenommene Vielfalt, und auch viele gute Formen des Zusammenlebens. Wenn wir immer nur auf den vermeintlichen Riss schauen, gehen wir diesem Konstrukt auf den Leim.

Welchen Nutzen bringt das neue Institut den Menschen auf der Straße?

Auch das lässt sich nicht messen wie in anderen Forschungsbereichen. Es gibt nicht das eine Endergebnis, das dann allen etwas bringt. Aber wir wollen mit unseren Themen in die Gesellschaft hineinwirken. Aber nicht einseitig, sondern im Dialog. Wir werden nicht einfach sagen, wo es langgeht, sondern umgekehrt. Wir möchten Formate entwickeln, in denen wir den Sorgen aller  Menschen, die in diesem Land leben, Raum geben und sie miteinander ins Gespräch bringen.

Zur Person

Stefanie Schüler-Springorum leitet seit 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung, das Teil des neuen Instituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Zuvor war sie Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Sie ist außerdem Mitherausgeberin der Zeitschrift Werkstatt Geschichte.