"Aufatmen können wir noch lange nicht"

Im NWZ-Interview warnt Ministerin Karliczek davor, die Corona-Regeln zu schnell zu lockern: Trotz moderater Infektionszahlen gebe es keinen Grund zum Leichtsinn, sagt sie. "Wir müssen versuchen, die Risiken von Rückschlägen gering zu halten."

Anja Karliczek

"Lernen muss nach den Ferien wieder umfassend ermöglicht werde", sagt Ministerin Anja Karliczek im Interview.

© BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 11. Juli 2020 u.a. in der Nordwest Zeitung erschienen. Die Fragen stellt Andreas Herholz.

Frau Karliczek, immer mehr Corona-Beschränkungen werden aufgehoben. Haben wir den Kampf gegen das Virus schon gewonnen, oder müssen wir noch mit einer weiteren Infektionswelle rechnen?

Das Virus breitet sich weiterhin überall auf der Welt aus. In vielen Ländern steigen die Infektionszahlen zum Teil dramatisch. Schauen Sie nur auf die Lage in den USA. Auch in Deutschland ist das Virus weiterhin präsent. Die Infektionszahlen sind zwar moderat. Aufatmen können wir aber noch lange nicht. Es gibt auch keinen Grund zum Leichtsinn. Wir müssen an der gegenwärtigen Maskenpflicht und den Abstandsregeln festhalten. Länder wie Israel, die vielleicht zu früh die Regeln gelockert haben, erleben gerade harte Rückschläge. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, heißt es immer. Der Gedanke muss uns in dieser Corona-Krise leiten.

Was bedeutet das für neue Lockerungen?

Wir sollten jetzt nicht alle denkbaren Möglichkeiten der Lockerungen ausreizen, sondern immer mit einem gewissen Sicherheitspuffer handeln. Wir müssen versuchen, die Risiken von Rückschlägen möglichst gering zu halten, natürlich in Abwägung mit den Freiheitsrechten. Ein großer Rückschlag würde nicht nur die Gesundheit und das Leben von sehr vielen Menschen gefährden, sondern auch der Wirtschaft, die sich gerade ein wenig erholt, schwer schaden. Dessen müssen wir uns bewusst sein, auch wenn die Regeln manch einen nerven.

Die USA haben sich fast die gesamte Produktion des Corona-Medikaments Remdevisir bis in den Herbst gesichert. Wie lässt sich erreichen, dass sich Deutschland mit ausreichenden Mengen von Corona-Medikamenten versorgen kann?

Der erste ganz wichtige Schritt ist herauszufinden, welche bekannten und schon zugelassenen Medikamente für die Behandlung von Covid-19-Patienten nützlich sein können. Da laufen viele Studien, die auch vom BMBF gefördert werden. Es gibt bereits einige vielsprechende Kandidaten – wie etwa ein bestimmtes Cortison-Präparat. Der Vorteil ist, dass diese Medikamente aktuell verfügbar sind. Die Forschung ist hier also mit verschiedenen Ansätzen unterwegs. Man sollte nicht nur auf Remdesivir schauen, auch wenn dies ebenfalls ein interessantes Präparat ist. Natürlich unterstützen wir auch die Entwicklung neuer Medikamente. Bis die verfügbar sind, dauert es aber länger.

Wann kann man mit einem Corona-Impfstoff rechnen?

Weltweit gibt es über 100 Impfstoff-Entwicklungsprojekte. Einige Firmen äußern sich sehr zuversichtlich, dass sie schon bald einen wirksamen und sicheren Impfstoff zur Verfügung stellen können. Auch ich bin optimistisch, dass vermutlich sogar mehrere Impfstoffe entwickelt werden. Wann diese aber zur Verfügung stehen, lässt sich heute noch nicht exakt vorhersagen. Man darf bei aller Zuversicht keine falschen Erwartungen wecken. Es kann in der Impfstoffentwicklung immer wieder Rückschläge geben. Wir sollten uns auf die Mitte des nächsten Jahres einstellen, was verglichen mit der Entwicklung von anderen Impfstoffen immer noch rasant wäre. Wir haben aus unserem Ministerium heraus in den letzten Wochen alles dafür getan, dass es möglichst schnell geht. Wir haben dazu ein 750-Millionen-Programm aufgelegt, das die Entwicklung von Impfstoffen durch in Deutschland ansässige Firmen beschleunigen wird und auch die Grundlagen für die Massenproduktion von Impfstoffen schafft.

Deutschland hat die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Muss in Zeiten der Pandemie die medizinische Forschung und Versorgung in der EU nicht deutlich verstärkt und besser abgestimmt werden?

Erste Maßnahmen wie einen EU-Aktionsplan zur Erforschung des Corona-Virus gibt es bereits. Aber wir schauen natürlich auch in die Zukunft. Die aktuelle Situation zeigt uns, dass es wichtig ist, zukünftig die pharmazeutische Forschung in Europa zu stärken. Dazu ist eine gemeinsame europäische Forschungsförderung notwendig, die gerade auch pandemische Risiken sehr stark im Blick hat.

Nach den Sommerferien startet der Schulunterricht wieder im Regelbetrieb. Auch die Universitäten werden den Lehrbetrieb wiederaufnehmen. Steigt damit nicht wieder das Infektionsrisiko?

Lernen muss nach den Ferien wieder umfassend ermöglicht werden. Das ist das Ziel, das alle Verantwortlichen im Sinne der Kinder und Eltern verfolgen. Alle Bundesländer arbeiten daran, dass wieder ein verlässlicher Unterricht angeboten werden kann. Aber wir leben in der Pandemie. Deshalb kann es auch wieder auf eine Mischung aus Präsenzunterricht und digitales Lernen hinauslaufen, wenn in den Schulen die Abstandsregeln eingehalten werden müssen. Wichtig ist, dass die Schulen auf verschiedene Szenarien vorbereitet sind. Wenn das Infektionsgeschehen gering ist, können wir uns ein anderes Vorgehen erlauben, als wenn wir Schulbetrieb in einem wiederaufflammenden Pandemiegeschehen haben. Es kann am Ende auch Unterschiede zwischen den Bundesländern geben. Vielleicht muss man sogar von Schule zu Schule unterscheiden. Wichtig ist, dass in den Schulen sehr klar kommuniziert wird, welche Regeln gelten und warum welche Maßnahmen vorgenommen werden. Wir müssen umsichtig bleiben. Deshalb braucht es ein Schutz- und Hygienekonzept; die Länder arbeiten daran. Wer jetzt den Gesundheitsschutz über Bord werfen würde, gefährdet gleich wieder die Schulöffnungen.

Gehen die Länder hier zu schnell zu weit?

Die Entscheidung ist sehr komplex. Und keiner macht sie sich leicht.

Die Digitalisierung lässt in vielen Schulen immer noch auf sich warten. Woran hapert es?

Mit dem Digitalpakt haben wir im vergangenen Jahr die Grundlagen gelegt. Ich hoffe, dass die Erfahrungen mit dem digitalen Lehren und Lernen in der Pandemie dazu führen werden, dass sich die Digitalisierung an den Schulen beschleunigt. Wir vom Bund unterstützen dies nun noch zusätzlich mit weiteren 500 Millionen Euro zur Anschaffung von digitalen Endgeräten für bedürftige Schülerinnen und Schüler.

Warum werden die Mittel aus dem Digitalpakt nicht abgerufen?

Das hatte viele Gründe. Manche Schulen waren in der Digitalisierung bereits recht weit, andere taten sich schwerer, Medienkonzepte zu erstellen. Es fehlen in den Kommunen, die ja in der Regel die Schulträger sind, oft aber auch die Planungskapazitäten. Hinzu kommt, dass im DigitalPakt das Geld erst fließt, wenn die Maßnahme abgeschlossen ist und die Rechnung vorliegt. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich nun die Digitalisierung der Schulen beschleunigt. Diese Pandemie zwingt alle, schnell dazu zu lernen.

Sie wollen bei der Wasserstoff-Technologie Tempo machen. Bisher ist davon aber wenig zu erkennen. Was muss geschehen?

Als Bundesforschungsministerin sehe ich mich in der Rolle der Antreiberin bei diesem Thema. Dabei werde ich jetzt zusätzlich von Stefan Kaufmann unterstützt. Darüber freue ich mich sehr. Als einer der am besten vernetzten Forschungspolitiker im Bundestag wird er als Innovationsbeauftragter „Grüner Wasserstoff“ dafür sorgen, dass der Transfer von der Forschung in die Wirtschaft klappt. Das ist der Schlüssel, dass wir zur Wasserstoffrepublik und zur Nummer eins auf der Welt beim Thema „Grüner Wasserstoff“ werden.

Welche Rolle kann Wasserstoff bei der Energiewende künftig spielen?

Grüner Wasserstoff ist für mich der Energieträger der Zukunft. Am Montag besuche ich die Salzgitter AG. Dort plant man, den Grünen Wasserstoff bei der Stahlverhüttung einzusetzen. Das ist ein Riesenprojekt und zugleich eines der größten Zukunftsprojekte in Deutschland auf diesem Gebiet. Die Schwerindustrie weiß, dass sie nur unter Nutzung des Grünen Wasserstoffs weiter in Europa produzieren kann, weil CO2-Emissionen immer teurer werden.

Die CDU soll eine Frauenquote von 50 Prozent erhalten. Ein überfälliger Schritt?

Die CDU will auch in Zukunft Volkspartei bleiben. Dazu gehört, dass Frauen in der Union auf breiter Basis von der Kreisebene bis in Bundesspitze diese Zukunft mitgestalten. Die Vorschläge unserer Parteivorsitzenden, das nun verbindlich sicherzustellen, wird die Attraktivität der Union erhöhen. Da bin ich mir sicher. Frauen werden sich in Perspektive eher für eine Partei entscheiden, die auch überall von Frauen mitrepräsentiert wird.