Blindgänger: Innovative Technik zur Entschärfung

Die einen lassen Bomben verpuffen, die anderen simulieren Gefahrenzonen bei Explosionen in Städten: Das Bundesforschungsministerium unterstützt Projekte, die zur Sicherheit bei der Entschärfung von Weltkriegsbomben beitragen.

Mögliche 3D-Visualisierung des Fundortes eines Blindgängers. © CADFEM International GmbH

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs werden in Deutschland regelmäßig Blindgänger entdeckt. Welche Auswirkungen ein solcher Fund auf die Infrastruktur einer Großstadt haben kann, wird aktuell in Berlin deutlich, wo bei Bauarbeiten mitten in der Innenstadt eine 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe entdeckt wurde. Der Blindgänger wird an diesem Freitagvormittag von Experten des Kampfmittelräumdienstes entschärft. Von den Absperrungen betroffen ist ein zentraler Verkehrsknotenpunkt in Berlin, rund um den Hauptbahnhof wird der Bahnverkehr zeitweise komplett eingestellt, Autofahrer müssen den Bereich weiträumig umfahren. Selbst der Flugverkehr wird für den Zeitraum der Entschärfung für landende Maschinen eingestellt. Innerhalb der 800 Meter weiten Sperrzone liegt nicht nur der Hauptbahnhof, sondern mit dem Bundeswehrkrankenhaus und Teilen der Charité auch zwei Krankenhäuser.

Bombenfunde in Städten stellen Verwaltung, Polizei, Feuerwehr und den Kampfmittelräumdienst vor große Herausforderungen. Zuerst muss dabei die Gefahrenzone genau bestimmt werden, damit notwendige Evakuierungsmaßnahmen frühzeitig eingeleitet werden können. Erst wenn alle Bereiche zu einhundert Prozent abgesichert sind, kann entschärft werden. Sollte eine Entschärfung einer Bombe doch einmal misslingen, muss der Kampfmittelräumdienst eine kontrollierte Sprengung gewährleisten. Das Bundesforschungsministerium fördert zahlreiche Projekte im Bereich der zivilen Sicherheitsforschung – darunter die Projekte DETORBA, DEFLAG und SIRIUS.

Auf dicht besiedeltem Raum sind die Auswirkungen von Bombensprengungen schwer vorhersagbar

Bei der Detonation einer Bombe wird schlagartig große Energie freigesetzt. Das führt zu einer Druckwelle, die sich um den Ort der Explosion ausbreitet. Trifft diese Druckwelle auf ein Hindernis, wird sie reflektiert. Besonders auf dicht bebautem Raum, wie beispielsweise in Städten, kann das eine verheerende Wirkung entfalten.

Die Ausbreitung von Druckwellen vorherzusagen, ist das Ziel der Projekte SIRIUS und DETORBA, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. In dem bereits abgeschlossenen Projekt DETORBA ist den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Technischen Universität München gemeinsam mit den Unternehmern CADFEM und virtualcitySYSTEMS gelungen, anhand von 3D-Modellen die komplexe Druckwellenentwicklung in Städten in bisher einmaliger Genauigkeit zu simulieren und zu analysieren.

Evakuierungen bei Bombenentschärfungen zielgerichteter planen und durchführen

Das im Projekt entwickelte System stellt die Gefahrenzonen realitätsnah dar und zeigt diese auf einer Gefährdungskarte. „Die Druckwellenausbreitung im urbanen Raum können wir mit unserem System sehr gut vorhersagen“, sagt Stefan Trometer von der Firma CADFEM, die das Projekt federführend betreute. Im Falle von Fliegerbomben gehe jedoch noch von einer zweiten Quelle eine Gefahr aus: vom Splitterflug der explodierenden Stahlhülle. In dem noch bis Oktober 2019 vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt SIRIUS wird daher auf den Ergebnissen des DETORBA-Projekts aufgebaut. Auf der Grundlage von 3D-Stadtmodellen in Kombination mit einer Simulation soll zukünftig eine Gefährdungsanalyse des Fundorts für Druckwelle und Splitterflug erstellt werden. Zusätzlich können in der Simulation Abschattungseffekte hoher Gebäude berücksichtigt werden. Die Projektergebnisse sollen die Kampfmittelbeseitigungsdienste in die Lage versetzen, in kurzer Zeit und vor Ort den Gefahrenbereich um den Fundort eines Blindgängers genau zu bestimmen. Die Chancen stehen also gut, dass bei Fliegerbombenfunden in Zukunft weniger Menschen evakuiert und wichtige Infrastrukturen nicht geschlossen werden müssen.

Die Wirkung der Bombe verpufft

DEFLAG
Mittels eines Laserstrahls wird die Stahlhülle von Bomben eingekerbt und so gezielt geschwächt. Bei der kontrollierten Sprengung kommt es so nicht mehr zur Explosion: Vielmehr verpufft die Bombe. © Laurentiu Iordache / Fotolia.com

Aber es gibt auch Blindgänger, bei denen eine Entschärfung nicht möglich ist – wenn zum Beispiel die Zündmechanismen nicht ausgebaut werden können. Dann müssen die Kampfmittelräumdienste die Bombe kontrolliert sprengen. Im Projekt DEFLAG, das vom Bundesforschungsministerium bis zum Jahr 2019 gefördert wird, erarbeiten Forscher deshalb ein neues Verfahren, das die Risiken bei einer kontrollierten Sprengung von Kampfmitteln minimiert. Dafür wird die Stahlhülle eines Blindgängers mit einem Laserstrahl systematisch eingekerbt und geschwächt. Bei der kontrollierten Sprengung kommt es so nicht mehr zur Explosion: Vielmehr verpufft die Energie der Bombe. Ziel der Forscherinnen und Forscher ist es, ein mobiles System zu entwickeln, das die kontrollierte Sprengung von Blindgängern ermöglicht.