„Die enorme Motivation der Rollstuhlfahrer hat mich beeindruckt“

In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt entwickeln Techniker, Designer und Rollstuhlfahrer Add-ons für Rollstühle. Auf der Fachmesse REHACARE in Düsseldorf können Interessierte die Produkte selbst bauen und testen.

Obwohl es für die Sicherheit sehr wichtig ist findet man kaum Rollstuhl-Beleuchtungen auf dem Markt – das will das Projekt Made for my Wheelchair jetzt ändern. © be able e. V.

Innovative Add-ons für Rollstuhlfahrer: Das Projekt „Made for my Wheelchair“ ist eines von zehn Gewinnerprojekten des Wettbewerbs „Light Cares“, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgerufen wurde. Projektleiterin Isabelle Dechamps erklärt, warum und wie in dem Projekt ein fachübergreifendes Team von Rollstuhlnutzern, Technikern und Designern gemeinsam Produkte wie eine Rollstuhlbeleuchtung oder eine Transporthilfe entwickelt. Ein Interview mit bmbf.de.

Isabelle Dechamps ist Mitbegründerin des gemeinnützigen Vereins „be able“, der in gemischten Gruppen individuelle, kreative Bildungsformate für eine bessere Inklusion gestaltet. © be able e.V.

bmbf.de: Frau Dechamps, was ist das Projekt „Made for my Wheelchair"?

Isabelle Dechamps: In dem Projekt entwickeln wir in einem Team aus Rollstuhlfahrern, Technikern und Designern Produkte für Rollstühle: Sogenannte Add-ons, die den Alltag von Rollstuhlfahrern erleichtern und bereichern sollen. Um diese Add-ons herzustellen, verwenden wir kostengünstige und leicht erhältliche Maker-Technologien. Wir haben das Projekt im FabLab Berlin – eine für jeden offene Werkstatt – durchgeführt und hatten so direkten Zugang zu 3D-Druckern, Lasercuttern und verschiedenen anderen professionellen Werkzeugen. So entstanden erste Entwürfe, die nun im Do-it-Yourself-Verfahren von Rollstuhlfahrern nachgebaut und an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können.

Gibt es schon Ergebnisse?

Aber natürlich – und zwar richtig tolle! Neben einem Anhänger, mit dem man sowohl Einkäufe als auch eine Begleitperson transportieren kann, haben wir ein Beleuchtungsset mit LEDs und diversen individualisierten Leucht-Modi entwickelt. Die Bauanleitungen, 3D-Datensätze und Codes sind Online frei zugänglich. Das bedeutet, dass jeder sich in einem der vielen FabLabs, die es inzwischen Weltweit gibt, diese Produkte für seinen Rollstuhl kostengünstig herstellen kann. Man muss sich nur die Komponenten besorgen, die Daten laden und loslegen.

Was macht das Projekt so einmalig?

Der gemeinschaftliche Designprozess, den wir in dem Projekt erleben durften, ist etwas ganz Besonderes. Innerhalb der einjährigen Förderung vom Bundesforschungsministerium haben wir ausgehend von einer Bedürfnisanalyse über die Ideenentwicklung, den Prototypenbau bis hin zu den Tests die Add-ons immer gemeinsam mit Rollstuhlfahrern für ihre persönlichen Bedürfnisse weiterentwickelt.

Wie haben Sie geeignete Ideen ausgewählt?

Kriterien wie Umsetzbarkeit, Zeitaufwand bei der Herstellung, Kosten und Ästhetik für Rollstuhlfahrer spielten eine zentrale Rolle bei der Auswahl der Ideen. Beispielsweise ist eine vernünftige Beleuchtung für Rollstühle sehr wichtig – damit man im Straßenverkehr im Dunkeln gut sieht und gut gesehen wird. Trotzdem findet man kaum Rollstuhl-Beleuchtungen auf dem Markt! Die im Projekt entwickelten Lichter sind auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern zugeschnitten und können mit üblichen Maker-Technologien selbst gebaut werden. Alle Komponenten gibt es im Internet. FabLabs bieten zudem das perfekte Umfeld, um die Lampen mit 3D-Druckern, Lasercuttern und Elektroteilen zu produzieren.

Welche Erfahrung hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Die enorme Motivation der Rollstuhlfahrer hat mich ganz besonders beeindruckt! Sie wollten nicht nur grobe Ideen für ihre Bedürfnisse entwickeln, sondern auch an der detaillierten Konzeption des Entwurfs teilhaben und das bestmögliche Ergebnis für ihre Zielgruppe herausholen. Gemeinsam haben wir viel diskutiert, gebaut, getestet und optimiert. Es war eine wirklich enge Zusammenarbeit, bei der auch Freundschaften und weitere Projektideen entstanden sind.

Was war die Idee zum Projekt?

Die Idee für das Projekt kam von einem Rollstuhlfahrer, der sich mit einem 3D-Drucker kleine Rampen gedruckt hat, um mit seinem Rollstuhl Bordsteinkanten überwinden zu können. Er glaubte, dass da noch viel mehr möglich sein müsste. Uns vom Verein „be able“ war es wichtig, kreativen Köpfen, die selbst Nutzer eines Rollstuhls sind, die Möglichkeit zu geben, Dinge zu entwickeln, die sie wirklich brauchen.

Wie soll es weitergehen?

Wir wünschen uns, möglichst viele Rollstuhlfahrer mit dem Beleuchtungsset und dem Anhänger zu erreichen, sie anzuregen sich selbst diese Produkte anzufertigen und/oder Räume zu öffnen, in denen dies gemeinsam in Workshops geschieht. Wir hoffen sehr, möglichst viele Menschen – insbesondere Menschen mit Behinderung – mit der Herstellung von Produkten für spezielle Bedürfnisse vertraut zu machen. Wir wollen sie inspirieren, nützliche Produkte selber zu entwerfen und zu entwickeln. Eine Idee, die uns sehr am Herzen liegt, ist eine offene Plattform und ein Netzwerk, in dem sich Interessierte über Ideen und Entwürfe austauschen.

REHACARE

Die REHACARE, die internationale Fachmesse für Rehabilitation und Pflege, findet von 4. bis 7. Oktober in Düsseldorf statt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) präsentiert an dem Light Cares-Gemeinschaftsstand G03 in Halle 4 die Projektergebnisse des Light Cares-Wettbewerbs. Neben Ausstellungsstücken zum Anfassen und Ausprobieren gibt es auch einen Werkstattbereich mit 3D-Druckern, in dem Hilfsmittel wie Prothesen live vor Ort ausgedruckt werden. Zudem finden jeden Tag „Made for my Wheelchair“-Workshops am Messestand statt, in denen Beleuchtungssets für Rollstühle gebaut und programmiert werden.