Digitaler Wandel zum Wohle der Menschen

"Ich möchte, dass der Innovations- und Wirtschaftsstandort Deutschland durch die Digitalisierung weiter an Stärke gewinnt", sagt Ministerin Anja Karliczek im Interview mit "SENATE – Magazin für Politik, Gesellschaft und Ökosoziale Marktwirtschaft."

"Das Zukunftsthema Digitalisierung ist für die Bundesregierung von herausragender Bedeutung", sagt Ministerin Karliczek im Interview.

© BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 2. Juli 2019 in "SENATE – Magazin für Politik, Gesellschaft und Ökosoziale Marktwirtschaft" erschienen.

Die digitale Transformation führt zu rasanten Veränderungen und komplexeren Anforderungen. Oft wird die Sorge geäußert, Deutschland blieb hinten dran. Werden die Aktivitäten der Bundesregierung im Forschungs- und Entwicklungsbereich der Aufgabe gerecht?

Bildung, Wissenschaft und Forschung sind die entscheidenden Impulsgeber für die Gestaltung der digitalen Transformation in Deutschland. Unsere Wissenschafts- und Forschungslandschaft ist in Sachen Digitalisierung im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. Die Nutzung in Wirtschaft und Gesellschaft wollen wir nun weiter vorantreiben. Mit der BMBF Digitalstrategie knüpfen wir genau an dieser Stelle an. Wir stärken die Forschung und Entwicklung von KI-Anwendungen und fördern digitale Gesundheitsanwendungen. Und wir entwickeln Datenräume, die neue Wertschöpfung, digitale Souveränität und Sicherheit der IT-Systeme gleichermaßen ermöglichen. Diese drei Beispiele aus dem Forschungsbereich sind nur Facetten unserer vielfältigen Aktivitäten. Das Spektrum reicht dabei von guter Bildung und Ausbildung für mehr digitale Kompetenzen über digital ausgestattete und vernetzte Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf Weltniveau bis hin zu exzellenter Forschung sowie einer offenen Innovations- und Wagniskultur. Die Digitalisierung nutzt unserer Gesellschaft. In meinem Ministerium wird daran gearbeitet, dass die Chancen des digitalen Wandels für mehr Wohlstand und Lebensqualität genutzt werden können. Vertrauenswürdige Elektronik „made in Germany“ ist ein Beispiel für die Maßnahmen, die wir im Rahmen der Digitalstrategie meines Ministeriums fördern.

Sind Sie in Ihrem Ministerium in der Lage Forschung und Bildung hinsichtlich dieser komplexen Zukunft auszurichten, oder fehlt es an Möglichkeiten durch die Länderhoheit bei der Bildung?

Bund und Länder haben beim DigitalPakt Schule konstruktiv zusammengearbeitet. Die Akteure der unterschiedlichen staatlichen Ebenen können erfolgreich für den digitalen Fortschritt zusammenwirken, dafür ist der Digitalpakt ein gutes Beispiel. Ein weiteres Beispiel für die gute Zusammenarbeit von Bund und Ländern ist die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Auch diese Verhandlungen haben wir erfolgreich abgeschlossen. Gesamtstaatlicher Gemeinsinn ist auch notwendig, wenn wir die digitale Transformation erfolgreich gestalten wollen. Der Konsens darüber wird größer, dass sich der digitale Wandel nur in enger Zusammenarbeit gestalten lässt. Das gilt Bund, Länder, Kommunen, Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft gleichermaßen. Diese Entwicklung stimmt mich positiv für die Zukunft. Ich möchte, dass der Innovations- und Wirtschaftsstandort Deutschland durch die Digitalisierung weiter an Stärke gewinnt.

Oft wird auch beklagt, zu viele Ministerien spielen eine Rolle im Thema Digitalisierung. Wie empfinden Sie die Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten innerhalb der Bundesregierung – stimmt die Koordination, stimmt die Schlagkraft?

Für mich ist Digitalisierung ein absolutes Querschnittsthema. In meinem Ministerium spielt Digitalisierung bei nahezu jedem Thema eine Rolle. Alle Abteilungen und Referate haben in unterschiedlicher Intensität digitale Bezüge. Deshalb habe ich auch die Organisationsstruktur des Hauses darauf ausgerichtet. Digitalisierung muss gemeinsam gedacht und gemacht werden. Das gilt auch für die Bundesregierung. Die Ministerien arbeiten gerade bei digitalen Themen eng zusammen und stoßen gemeinsame Initiativen an. Denn der digitale Wandel betrifft alle Bereiche. Wir wollen den digitalen Wandel ganzheitlich und zum Wohle der Menschen in unserem Land gestalten. Digitalisierung ist für die Bundesregierung Chefsache, deshalb haben wir dafür einen eigenen Kabinettausschuss eingerichtet, das sogenannte Digitalkabinett unter dem Vorsitz der Bundeskanzlerin. Das Zukunftsthema Digitalisierung ist für die Bundesregierung von herausragender Bedeutung. Als Forschungsministerin bringe ich mich hier mit Initiativen im Bildungs- und Forschungsbereich ein. Der Digitalpakt Schule ist hier nur ein prominentes Beispiel.

Bleiben bei der stark digitalisierten Welt und der hohen Komplexität nicht die eher praktisch begabten Menschen bei den Ausbildungsmöglichkeiten auf der Strecke – werden wir eine Arbeitsgesellschaft der Akademiker?

Zu dieser Frage gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Studien. Allen gemeinsam ist, dass manche Arbeitsplätze verschwinden und neue entstehen. Es ist auch keineswegs so, dass Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz nur praktische Tätigkeiten beeinflussen. Die Veränderungen werden beispielsweise auch Kliniken, Anwaltskanzleien oder Finanzdienstleister betreffen. Und wenn ich mir die aktuelle Nachfrage nach handwerklichen Dienstleistungen anschaue, zeigt das, dass wir uns vor einer einfachen Schwarz-weiß-Unterteilung hüten sollten. Eine aktuelle Studie der OECD bestätigt zwar die Gefährdung von Arbeitsplätzen, mit „massiver technologischer Arbeitslosigkeit“ sei aber kaum zu rechnen. Entscheidend ist: Alle Prognosen sind sich darin einig, dass es erhebliche Änderungen für die Menschen an ihren bestehenden Arbeitsplätzen geben wird. Auf diese Veränderungsprozesse müssen wir die Menschen vorbereiten. Weiterbildung ist dafür der Schlüssel. Bei der Weiterbildungsquote von hochqualifizierten Erwachsenen sind wir schon heute Spitzenreiter im OECD-Vergleich. Nachholbedarf haben wir aber der Weiterbildung von geringqualifizierten Erwachsenen. Als Bundesregierung nehmen wir uns des Themas Weiterbildung im Kontext des digitalen Wandels in all seinen Facetten an. Unter Federführung des BMBF und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist so die Nationale Weiterbildungsstrategie entstanden. Mit vielfältigen Maßnahmen werden wir unter anderem die berufliche Weiterbildung und das lebensbegleitendes Lernen stärker als bisher fördern. Weiterbildung muss in der Arbeitswelt von morgen zu einem selbstverständlichen Teil des Arbeitslebens werden. Klar ist auch, dass in einer sich immer schneller wandelnden Welt praxisbezogenes Lernen an Bedeutung gewinnt. Das wird bei Weiterbildungen wichtiger werden.

Wie beurteilen Sie die Perspektive der früher hoch eingeschätzten dualen Ausbildung – ohne Akademischen Abschluss, also Handwerk, Lehre, kaufmännische Lehre?

Früher? Die duale Ausbildung ist noch immer hoch geschätzt. Es stehen über 300 anerkannte duale Ausbildungsberufe für anspruchsvolle Aufgaben zur Wahl: in der Industrie, im Handwerk, im Dienstleistungs- und Medienbereich oder in neuen modernen Feldern wie dem Online-Handel mit dem Ausbildungsberuf „Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce“. Alle Ausbildungsberufe haben eins gemeinsam: den starken Praxisbezug. Die beruflichen Perspektiven sind für junge Menschen so gut wie lange nicht: 100 Bewerberinnen und Bewerbern stehen 106 Ausbildungsplätze gegenüber. Rund drei Viertel der Auszubildenden wurden im Jahr 2017 von ihrem Betrieb übernommen, denn die Betriebe vertrauen auf die duale Ausbildung zur Sicherung ihres Fachkräftebedarfs. Die jungen Leute wechseln somit nahtlos in die Beschäftigung. Davon können andere Bildungswege nur träumen. Im Anschluss an die Ausbildung bietet die höherqualifizierende Berufsbildung vielfältige Aufstiegsmöglichkeiten – zum Beispiel zum/zur Fachwirt/-in oder Meister/-in. Die berufliche Bildung bietet also viele Chancen. Ich stärke sie gerade, damit wir wieder mehr junge Menschen für diesen Weg begeistern. Die Chancen dieses Ausbildungswegs waren noch nie so gut. Mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes passen wir die Berufsbildung an neue Entwicklungen an. Dies steigert ihre Attraktivität, Flexibilität und internationale Anschlussfähigkeit. Damit setzen wir ein starkes Zeichen: Egal, ob sie mit einer Berufsausbildung oder einem Studium starten. Die Welt steht den jungen Menschen offen.

Brauchen wir eine neue Kultur des Respekts vor den nichtakademischen Berufsbildern?

Die berufliche Bildung ist genauso viel wert ist wie die akademische. Im Ausland wird die Stärke dieser zwei Säulen unseres Bildungssystems oft besser erkannt. Ich setze mich dafür ein, dass die berufliche Bildung auch in ihrem Heimatland die Anerkennung erfährt, die sie verdient. Denn beide Bildungswege sind gleichwertig. Beide bieten jungen Menschen in Deutschland vielfältige Ausbildungs- und Karriereperspektiven. Diese Gleichwertigkeit muss den Menschen bewusster werden. Damit dies gelingt, werden wir die berufliche Bildung noch attraktiver gestalten. Hierzu müssen wir beispielsweise die Berufsbilder weiterhin kontinuierlich modernisieren, werden eine Mindestvergütung für Auszubildende verankern, mehr Teilzeitberufsausbildung ermöglichen und die beruflichen Fortbildungsabschlüsse international verständlicher und sichtbarer machen.

Ist für Sie als Ministerin der Forschung und Wissenschaft bei der Bildung nicht immer auch die Hochschule und die Universität als Ziel impliziert?

Ich bin von Herzen gern Bundesministerin für Bildung und Forschung. Dabei liegen mir die berufliche und die akademische Bildung gleichermaßen am Herzen. Die berufliche Bildung modernisiere ich gerade, der Bundestag berät über meine Vorschläge für ein modernes Berufsbildungsgesetz. Erst vor wenigen Wochen haben wir die großen Wissenschaftspakte beschlossen. Davon werden die Wissenschaft und die Hochschulen erheblich profitieren. Ein zukunftsstarkes Deutschland braucht hervorragend qualifizierte Menschen, die aus den ihnen eigenen vielfältigen Talenten etwas machen. Dafür geben wir entlang der gesamten Bildungskette Impulse: in der frühkindlichen Bildung, im Schulbereich – denken Sie nur an den Digitalpakt –, in der beruflichen Bildung und in Wissenschaft und Forschung.

Was würden Sie jungen Eltern raten, die überwiegend wollen, dass Ihre Kinder die besten Chancen haben. Ist da nicht, alleine aus Imagegründen, die Pflicht zu Abitur und Hochschule unabwendbar?

Eltern spielen eine Hauptrolle bei der Berufswahl ihrer Kinder. Sie sind die ersten und wichtigsten Ansprechpartner, wenn es nach der Schule um die Frage nach einem optimalen Einstieg in die Berufswelt geht. Viele Eltern wünschen sich für ihr Kind nach bestandenem Abitur ein Hochschulstudium – entweder, weil sie selber studiert haben, oder weil sie in einer Hochschulbildung eine bessere Karriereperspektive für ihr Kind vermuten. Es muss aber auch in den Köpfen der jungen Menschen und ihrer Eltern ankommen, dass eine duale Ausbildung eine absolut gleichwertige und zukunftsfähige Karrierealternative zu einem Hochschulstudium darstellt. Beide bieten hervorragende Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten. Ich werde nicht müde, weiter dafür zu werben, dass sich jede junge Frau, jeder junge Mann die Freiheit der Berufswahl nimmt – unabhängig von Erwartungen der Eltern oder dem, was im Freundeskreis gerade „in“ oder „out“ ist. Wer etwas gern tut, ist meistens gut darin und wird dann auch etwas daraus machen.

Noch einmal zur Digitalisierung: Es gibt so viele Szenarien wegfallender Arbeitsplätze. Haben nicht akademische Ausbildungsberufe dann schwindende Chancen?

Der Digitale Wandel wird nicht allein gewerbliche Arbeitsplätze betreffen. Die OECD erwartet, dass sich in Deutschland zukünftig rund 36 Prozent der beruflichen Tätigkeiten in Folge des technischen Wandels maßgeblich verändern. Diese Zahl beinhaltet auch akademische Berufsbilder. Tätigkeiten in der ärztlichen Diagnose sind dafür nur ein Beispiel. Wie bei den gewerblichen Berufen, liegt auch hier der Schlüssel in der Weiterbildung. Lebensbegleitendes Lernen ist auch für Akademiker im Zuge der Veränderungsprozesse durch den digitalen Wandel unentbehrlich. Auch deshalb war mir die Erarbeitung der Nationalen Weiterbildungsstrategie so wichtig. Am Ende haben wir viele andere Berufe, aber voraussichtlich eher mehr als weniger Arbeit.