„Ein Fest für wissenschaftliche Exzellenz“

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek wirbt bei der Verleihung der Leibniz-Preise darum, verloren gegangenes Vertrauen in die Wissenschaft zurückzugewinnen. „Ich wünsche mir Wissenschaftler, die sich einmischen“, sagt sie.

Bundesministerin Anja Karliczek mit den Preisträgerinnen und Preisträgern des Gottfried Wilhelm Leibniz Preises 2019. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) Anlässlich der Verleihung der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preise 2019 am 13. März 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Strohschneider,

sehr geehrte Frau Professor Quante-Brandt,

sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

meine sehr geehrten Damen und Herren

Wir feiern in diesem Jahr den 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes. Es ist das Fundament für unser Zusammenleben in Freiheit und Wohlstand.

Seit 70 Jahren gelten in Deutschland:

  • die Unantastbarkeit der Würde des Menschen,
  • das Recht auf Meinungsfreiheit,
  • das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz.

Seit 70 Jahren gilt in Deutschland die Freiheit:

  • der Presse,
  • der Kunst und
  • der Wissenschaft.

Den Geburtstag des Grundgesetzes feiern wir erst im Mai. Aber einen Teil davon – die Freiheit der Wissenschaft – den feiern wir heute schon ein bisschen vor. Denn genau dafür steht der Gottfried-Wilhelm-Leibniz Preis. Mit seinem Preisgeld von 2,5 Millionen Euro eröffnet er einen einzigartigen Raum wissenschaftlicher Freiheit.

Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, gewinnen heute diese große Freiheit. Dazu gratuliere ich Ihnen von Herzen. Die Freiheit der Wissenschaft ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Wissenschaft stellt in Frage, bildet Hypothesen, überprüft und erklärt, verifiziert und falsifiziert – Wissenschaft schafft Wissen. Grundlagenwissen ebenso wie Anwendungswissen. Beides ist gleichermaßen wichtig.

Für den politischen Diskurs leiten wir aus diesem Wissen Argumente ab, mit denen wir Bürgerinnen und Bürger von unterschiedlichen Positionen überzeugen können. Auf Wissen basieren tragfähige politische Entscheidungen. Die Freiheit der Wissenschaft ist deshalb unverzichtbar für unsere Demokratie. Und zur Freiheit der Wissenschaft gehört zwingenderweise die Verantwortung der Wissenschaft.

„Wer die grundrechtliche Absicherung im Rücken hat,“ schreibt unser Bundespräsident in einem Geleitwort zum Grundgesetz, „der kann sich ohne Furcht und voller Vertrauen engagieren und so die demokratische Ordnung beeinflussen.“

Damit überträgt unser Grundgesetz Ihnen, meine Damen und Herren, auch als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine verantwortungsvolle Rolle. Mit dem Freiheitsrecht der Wissenschaft geht die Verantwortung einher, wissenschaftlich redlich zu arbeiten. Also: dem Vertrauensvorschuss der Gemeinschaft gerecht zu werden.

Hier danke ich insbesondere der DFG, aber auch den anderen Wissenschaftsorganisationen, die sich immer wieder darum bemühen, die Standards zu verbessern, Fehlentwicklungen vorzubeugen – oder, wo nötig, korrigierend einzugreifen.

Diese Selbstkontrolle und –korrektur ist ein wesentlicher Pfeiler unserer akademischen Selbstverwaltung in Deutschland! Und in der Tragweite ihrer Verantwortung nicht zu unterschätzen.

Die Verantwortungsbereiche lassen sich auch noch größer ziehen:

  • Als Lehrende tragen Sie Verantwortung für die jungen Menschen, deren Ausbildung Ihnen anvertraut ist.
  • Und als Forschende stellen die modernen Lebens- und Technikwissenschaften Sie alle vor immer neue Herausforderungen.

In Ihrer Neujahrsrede, lieber Herr Strohschneider, haben Sie sehr zutreffend vor „Ethosdumping“ gewarnt. Klonen wir Menschen, weil wir es können? Überwachen wir die Gesellschaft, weil es mit KI geht? Unser Grundgesetz stellt aus guten Gründen die Menschenwürde und die Menschenrechte an den Anfang.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben dies, wie sie in der Präambel schreiben, „im Bewusstsein [ihrer] Verantwortung vor Gott und den Menschen“ getan. In dieser Präambel kommen die historische Erfahrung der Kriegsgreuel und die kulturelle Erfahrung eines in Europa zutiefst christlich geprägten Menschenbildes zusammen.

Zu diesem Menschenbild gehören, nebenbei bemerkt, Toleranz und Freiheit, wie sie als Glaubens- und Gewissensfreiheit zum Ausdruck kommt.

Dieses Menschenbild, das mich und meine Arbeit prägt, kann uns Kompass und Anker sein in den vielfältigen wissenschaftsethischen und gesellschaftspolitischen Debatten, die wir angesichts der technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen des 21. Jahrhunderts führen müssen.

Diese Debatten, dazu möchte ich Sie heute explizit ermutigen, müssen öffentlich geführt werden. Öffentlich finanzierte Forschung dient zuallererst der Erkenntnis. Sie dient aber auch zur Orientierung der Öffentlichkeit.

Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Forschung schwindet allerdings gerade. Nur rund die Hälfte der Bürger vertraut aktuell noch in Wissenschaft und Technik. Das hat das Wissenschaftsbarometer gezeigt. Das liegt sicher auch daran, dass wir heute viel mehr und viel schneller als früher Informationen verarbeiten müssen – geprüfte und ungeprüfte.

Während in der Geburtsstunde des Grundgesetzes einmal am Tag eine Zeitung erschien, erscheinen heute auf dem Smartphone neue Meldungen im Sekundentakt. Klimaskeptiker, Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker verbreiten ihre Theorien in Windeseile. Populisten nutzen die neuen Informationskanäle, um zu polarisieren.

So erleben wir, dass im 70. Jahr des Grundgesetzes das Vertrauen in unser demokratisches System insgesamt zurückgeht.

  • Die freie Presse
  • Die freie Wissenschaft
  • Staatliche Institutionen

Die Säulen unseres demokratischen Systems stehen unter Druck. Gewählten Führungskräften in Parteien und auch in Interessenverbänden werden zunehmend ihre Fähigkeiten und auch ihre guten Absichten abgesprochen.

Wir hören von Lügenpresse und Lügenwissenschaft. Behauptungen werden als Fakten verkauft, wissenschaftliche Erkenntnisse hingegen in Frage gestellt. Hier ist die gemeinsame Verantwortung von Wissenschaft, Gesellschaft, Journalismus und Politik gefragt.

Keiner kann sich zurückziehen, die Wissenschaft nicht in den Elfenbeinturm, die Politik nicht in Hinterzimmer, die Wirtschaft nicht in Bürotürme. Jetzt ist jeder gefragt, dem Frieden und Freiheit in Europa am Herzen liegen.

Nur wenn wir gemeinsam wirken, können wir wieder Vertrauen zurückgewinnen. Vertrauen, das wir für unser Gemeinwesen dringend brauchen. Gemeinsam stehen wir gerade an einem Scheideweg.

Was also gilt es zu tun? Welche Aufgabe hat die Wissenschaft? Wie können wir Vertrauen zurückgewinnen?

Zuallererst: Indem wir uns erklären. Indem auch die Wissenschaft den Dialog sucht und in verständlichen Worten ihre Arbeit darlegt. Indem sie veranschaulicht, wie Forschung das Leben der Menschen verbessert. Professor Haddadin und Professor Rodewald werden jetzt wahrscheinlich sagen, ‚kein Problem‘.

Roboter, die unser Leben erleichtern, kann man sich gut vorstellen. Und dass es gut ist, Krebs zu bekämpfen, versteht sich auch von selbst. Wir haben gerade die Dekade gegen Krebs gestartet. Zehn Jahre mobilisieren wir alle Kräfte, um Krebs besser zu verstehen, um Krebs zu bekämpfen, um Krebs zu heilen.

Natürlich setzen wir hier in erster Linie auf die Forschung. Forschung kann Leben retten. Das ist eine einfache Botschaft, die jeder versteht. Aber nicht jedes Forschungsthema erschließt sich jedem von uns.

Herr Professor Huber runzelt wahrscheinlich gerade die Stirn und überlegt, wie er neuartige Quantenphänomene auf kurzen Zeitskalen veranschaulichen könnte. Das dürfte schon für die meisten hier im Saal schwer zu verstehen sein.

Aber auch solche Themen erzeugen Neugier. Erzeugen Lust, etwas verstehen zu wollen. Lust am komplexen Denken. Und mir geht es um noch etwas anderes: Ich wünsche mir Wissenschaftler, die sich einmischen.

Unser Bundespräsident schreibt in dem bereits zitierten Geleitwort zum Grundgesetz, dass wir alle uns für den Schutz unserer Verfassung einsetzen sollten. Wörtlich: „Das geht nur im Sinne bürgerschaftlichen Engagements.“

Ich wünsche mir deshalb Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die uns helfen, zu unterscheiden zwischen Äußerungen seriöser Forscher und selbsternannter Experten. Damit wir uns eine fundierte Meinung bilden können. Wir alle: Politik, Wirtschaft, Bürgerinnen und Bürger.

Nehmen wir die Feinstaub-Debatte. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass zu viel Feinstaub die Gesundheit belasten kann. Internationale Forscher haben das untersucht. Gutachten wurden erstellt. Empfehlungen für Grenzwerte ausgesprochen.

Die Politik hat gehandelt. Verordnungen erlassen. Fahrverbote erwogen. Dann kommt eine Gruppe Ärzte und stellt die Grenzwerte in Frage. Journalisten haben am Ende nachgerechnet. Und Bürger wie Politik fragen sich, wie sie denn nun erkennen können, wann eine Studie interessengeleitet ist und wann evidenzbasiert. Das gilt es, zu erklären.

Und deshalb bin ich dankbar, dass unsere Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, den Wunsch unserer Bundeskanzlerin selbstbewusst angenommen hat, Orientierung und Klarheit in die Debatte zu bringen. Auch das Ringen um Erkenntnis gehört zum Wesen von Wissenschaft.

So wie das Ringen um den richtigen Weg, der Ausgleich unterschiedlicher Interessen, der Kompromiss Wesen der Demokratie ist. Selbst hart erarbeitete und gut belegte Vorstellungen von Wahrheit können sich später als falsch herausstellen. Wir können immer nur mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft arbeiten.

Je schneller unsere Wissenschaft dank Ihrer Arbeit voranschreitet, desto öfter ändert sich dieser aktuelle Stand. Das führt nicht immer zu mehr Vertrauen in die Wissenschaft. Aber was ist die Alternative? Die Augen vor neuen Erkenntnissen verschließen? Auf Grundlage von Vorurteilen und populären Fehlvorstellungen entscheiden?

Ich denke, wir fahren gut damit, unsere politischen Entscheidungen auf der Basis des aktuellen Stands der Wissenschaft zu treffen.

Aber auch hier gilt es immer wieder zu bedenken: Das Wissen ist das eine. Die Menschen auf dem Weg der Veränderungen mitzunehmen das andere. Gleichzeitig gilt: Niemand ist unfehlbar.

Deswegen haben wir Kontrollmechanismen, die Selbstüberprüfungsmechanismen, die ich eingangs erwähnt habe. Es ist gut, wenn wir die Kontrollmechanismen der Wissenschaft transparent machen.

Und wenn wir sie regelmäßig überprüfen.

  • Sind sie noch ausreichend?
  • Brauchen wir neue Verfahren?
  • Oder neue Kontrollinstanzen?

Denn die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ist die Voraussetzung dafür, dass sie ein tragfähiger Pfeiler unserer Demokratie bleibt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Verleihung der Leibniz-Preise ist ein Fest für die Wissenschaftsfreiheit. Sie ist gleichzeitig auch ein Fest für wissenschaftliche Exzellenz. Exzellenz und Freiheit der Wissenschaft gehen Hand in Hand. Sie gehören zusammen. Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, sind der beste Beweis dafür. Das, was Sie leisten, ist international herausragend.

Mit Ihnen und durch Sie gehört der Wissenschaftsstandort Deutschland weltweit zu den führenden. Sie zeigen, wie viel innovative und kreative Energie in der deutschen Spitzenforschung steckt. Die Innovationskraft unseres Landes macht uns zur viertstärksten Wirtschaftsmacht. Auch deswegen lässt es sich so gut in Deutschland leben. Das gilt es zu erhalten.

Unser Zusammenleben in Wohlstand und Freiheit. Wir stehen Seite an Seite, die freie Wissenschaft zu verteidigen. Wir stehen Seite an Seite, unser demokratisches Miteinander zu erhalten. Freie Wissenschaft und eine demokratische Gesellschaft sind zwei Säulen für Wohlstand, Solidarität und friedliches Miteinander.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben sehr weitsichtig die Grundlage unserer Gesellschaft angelegt. Nun sind wir gefordert, unsere Verantwortung anzunehmen und diese Grundlage zu verteidigen.