„Gefühle passen oft nicht mit der Statistik zusammen“

„Sicherheit an Fallzahlen festzumachen, greift zu kurz“, sagt Kriminologin Rita Haverkamp. Im BMBF-Projekt „SiBa“ untersucht sie das Sicherheitsempfinden von Menschen in Bahnhofsvierteln. Das Problem: Jeder Mensch empfindet anders.

2018 kam es an Bahnhöfen zu einem deutlichen Anstieg von Diebstählen und Körperverletzungen. Wirkt sich das auf das Sicherheitsempfinden von Menschen in Bahnhofsvierteln aus? Dieser Frage gehen Forschende im Projekt SiBa nach. © Adobe Stock /TIMDAVIDCOLLECTION

Bmbf.de: Frau Haverkamp, warum erforschen Sie im Projekt „SiBa“ die Sicherheit in Bahnhofsvierteln – reicht dafür nicht ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik?

Rita Haverkamp: Die Statistik zeigt immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit – das sogenannte Hellfeld. Also alle Straftaten, die der Polizei gemeldet werden. Straftaten, die von den Opfern nicht bemerkt oder beispielsweise aus Scham nicht gemeldet wurden, verbleiben im Dunkelfeld. Sicherheit an Fallzahlen festzumachen, greift daher zu kurz. Uns interessiert das komplexe Sicherheitsempfinden der Menschen.

Rita Haverkamp ist Professorin für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie koordiniert das Verbundprojekt „Sicherheit im Bahnhofsviertel (SiBa)“. © privat

…das ist doch sehr subjektiv: Wie können Sie das messen?

In der sogenannten Viktimisierungs- oder Dunkelfeldforschung befragen wir Opfer nach ihren Erfahrungen. So lassen sich ihre Empfindungen vergleichen. In welchen Situationen fühlen sie sich unwohl? An welchen Orten? Wann schlägt das Unwohlsein in Angst um? Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass sich auch die persönlichen Lebensumstände in den Gefühlen widerspiegeln.

Zum Beispiel…?

Menschen, die im Dunkeln nicht gut sehen, sind abends eher ungern alleine unterwegs. Das heißt noch nicht, dass sie sich vor Kriminalität fürchten. Aber es zeigt: Sicherheit ist ein weites, komplexes Feld – und es müssen hier sehr viele Punkte berücksichtigt werden.

2018 kam es an Bahnhöfen zu einem deutlichen Anstieg von Diebstählen und Körperverletzungen. Die Gewerkschaft der Polizei sprach von „Angst-Räumen“: Ziehen Bahnhöfe Kriminelle an?

Bahnhöfe ziehen ganz viele Menschen an: Anwohner, Touristen, Pendler oder Gewerbetreibende – und natürlich auch Kriminelle. Durch diese Menschenmengen, die oft nur kurz vor Ort sind, gibt es eine hohe Anonymität. Und auch eine geringere sogenannte informelle Sozialkontrolle. Viele Menschen eilen durch den Bahnhof, ohne auf ihre Mitmenschen – und was denen eventuell zustößt – zu achten.

Die Statistik untermauert also das gefühlte Unbehagen…

…und dennoch passen Gefühle oft nicht mit der Statistik zusammen – jeder Mensch empfindet anders. An Bahnhöfen gibt es meist eine starke Polizeipräsenz: Während die einen sich dadurch sicherer fühlen, klingeln bei den anderen die Alarmglocken. Sie schlussfolgern, dass sie sich an einem Kriminalitätsbrennpunkt befinden müssen.

Haben soziale Medien wie Facebook und Twitter das Sicherheitsempfinden verändert?

Teilweise ist es sicherlich so, dass über die sozialen Medien bestimmte Skandale aufgegriffen und dann hochgespült werden. Allerdings finde ich nicht, dass soziale Medien primär eine schädliche Funktion haben. Ich denke, man muss dieses Thema sehr differenziert betrachten, denn soziale Medien sorgen andererseits auch dafür, dass gewisse Dinge transparent gemacht werden. Jedoch bergen die sozialen Medien auch die Gefahr, dass man sich in die eigenen „Echokammern“ zurückzieht, in denen man nur noch das wahrnimmt, was man selber als relevant empfindet.

Wie bringen Sie die komplexe Gefühlswelt der Menschen zusammen – was ist Ihr Forschungsziel?

Wir wollen all die verschiedenen Sichtweisen in ein Präventionskonzept einfließen lassen, damit Kommunen und Städte ihre Bahnhöfe sicherer gestalten können.

Frau Haverkamp, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zum Projekt SiBa

Das Projekt „Sicherheit im Bahnhofsviertel (SiBa)“ wird vom Bundesministerium für Bildung und For-schung seit August 2017 bis Juli 2020 im Programm „Forschung für die zivile Sicherheit“ mit rund 930.000 Euro gefördert. Neben Partnern aus der Wissenschaft beteiligen sich daran die Städte Leipzig, Düsseldorf und München. Ziel ist es, neue Konzepte und Herangehensweisen für Stadtentwicklung und Kriminalprävention zu entwickeln, um Bahnhöfe und ihr Umfeld sicherer zu gestalten. Mehr dazu finden Sie hier.