Karliczek: „Das nächste Jahr wird das Jahr der Berufsbildung“

Mindestvergütung für Azubis und mehr Wertschätzung für alle, die sich für die berufliche Bildung stark machen: Bundesministerin Anja Karliczek möchte die Berufsbildung stärken. Das sagte sie bei der Jubiläumstagung des Berufsorientierungsprogramms.

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Jubiläumstagung des Berufsorientierungsprogramms am 3. Dezember 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir schreiben das Jahr 2008: Erinnern Sie sich noch? Es kommt einem noch gar nicht so lange her vor:

  • Barack Obama wird zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt,
  • Deutschland wird Vize-Europa-Meister im Fußball,
  • der Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen erhält den Nobelpreis für Medizin und
  • das Berufsorientierungsprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht an den Start.   

Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht, wer die ersten Bewilligungsbescheide erhalten hat. Wissen Sie es noch?

Die ersten Bewilligungsbescheide gingen an die Handwerkskammern

  • Ostwestfalen-Lippe,
  • München und Oberbayern,
  • Ulm,
  • Köln und
  • Erfurt sowie
  • an die Gemeinnützige Gesellschaft für Aus- und Fortbildung in Kassel.

In den ersten 5 Monaten nahmen 80 Projekte ihre Arbeit auf. Bereits nach 8 Monaten wurde der 30.000ste Schüler als Teilnehmer des Berufsorientierungsprogramms begrüßt.

Meine Damen und Herren,

damit war klar: Es ist richtig, frühzeitig berufliche Orientierung in den Schulen möglich zu machen. Der Bedarf ist groß.

Aber wie bei jeder Pionierarbeit waren auf dem Weg zum Erfolg auch einige Steine beiseite zu räumen.

Die Ausbilder wurden vielfach auf eine harte Probe gestellt: Die Schüler sind verglichen mit den Auszubildenden im Schnitt jünger. Sie stehen noch in einer anderen Lebensphase. Sie sind noch lauter unbekümmerter. Das erforderte zu Beginn Nervenstärke und besonderes pädagogisches Geschick. Einige von Ihnen, so wurde mir berichtet, waren besonders kreativ und verfassten eine Art Knigge, um den Schülerinnen und Schülern für die Arbeit in einer Werkstatt angemessenes Verhalten beizubringen.

Sie als Bildungsträger haben die Herausforderungen angenommen und sich auf die neue Situation eingestellt. Auch die Schulen und Lehrkräfte mussten sich für die frühe Berufsorientierung öffnen – neben der alltäglichen Arbeit. Leicht war das sicher nicht. Aber nötig!

Meine Damen und Herren,

Ihr Engagement und Ihre fachliche Kompetenz in bundesweit über 300 Bildungsträgern haben das Berufsorientierungsprogramm zum Erfolg geführt.

Dafür möchte ich Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern heute herzlich danken!

Über 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler haben bisher von dem Angebot profitiert.

Junge Menschen sollen alle Optionen aufgezeigt bekommen, die ihnen offenstehen. Nur so können sie die richtige Wahl treffen – für eine Berufsausbildung, ein Studium, ein duales Studium.

Durch unsere gemeinsamen Anstrengungen ist es gelungen, das Berufsorientierungsprogramm nach vorne zu bringen. Auch wenn ich heute nur kurz dabei sein kann, freut es mich, den Erfolg gemeinsam mit Ihnen auf der Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 10-jährigen Bestehens unseres Programms zu feiern.

Ich möchte Sie ermutigen, sich auch in den kommenden zehn Jahren weiter für die Berufsorientierung einzusetzen. Ich werde meinen Teil dazu beitragen.

II.

Denn mir ist es wichtig, dass alle jungen Menschen einen guten Einstieg in das Berufsleben finden. Das ist eine große Aufgabe, zu der viele etwas beitragen müssen, damit er erfolgreich ist: Familie, Schule, Berufsberatung, Unternehmen und Politik.

Die eigenen Begabungen und Interessen zu erkennen, ist ein wesentlicher Aspekt für den Start in Ausbildung, Studium und Beruf. Deshalb ist es wichtig, dass die Jugendlichen an allen allgemeinbildenden Schulen frühzeitig dabei unterstützt werden, sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst zu werden. Sie müssen lernen, was von ihnen in Lehre oder Studium erwartet wird, welche Voraussetzungen sie mitbringen müssen – persönliche wie fachliche Kompetenzen.

Als Meilenstein der individuellen Berufsorientierung hat sich mittlerweile die Potenzialanalyse etabliert – zum Teil in länderspezifischer Ausprägung. Meine Damen und Herren, das ist auch Ihr Verdienst!

Außerdem gibt es in 18 Berufsfeldern die Werkstatttage, und das in ganz Deutschland. Mit der Kombination von Potenzialanalyse und Werkstatttagen erhalten die Jugendlichen schon während der Schulzeit die Möglichkeit, eigene Potenziale und Talente zu erkennen, in der Praxis zu überprüfen, um dann festzustellen: „Ich kann das!“

Denn unser Land braucht gut ausgebildete, engagierte und kreative junge Menschen. Unser Land braucht Fachkräfte. Nur so können wir wirtschaftlich stark sein, nur so können wir im Wettbewerb in der Welt bestehen. Gut qualifizierte junge Menschen sind der Schlüssel dazu.

III.

Um mehr Menschen für die berufliche Bildung zu begeistern, setzen wir deutliche Schwerpunkte:

Erstens: Das nächste Jahr wird das „Jahr der Berufsbildung“. Ich möchte allen, die sich vor Ort für die berufliche Bildung stark machen – Betriebe, Kammern, Gewerkschaften, Berufsschulen – neue Wertschätzung und neue Begeisterung mitgeben.

Zweitens: Das Berufsbildungsgesetz, das Grundgesetz der beruflichen Bildung, wird 50 Jahre alt. Eine Novelle für dieses Gesetz weist den Weg in die Zukunft: Die Mindestausbildungsvergütung soll sich am Schüler-BAföG orientieren. Auch das ist eine Frage von Anerkennung und Wertschätzung.

Drittens: Es muss ganz deutlich werden: Berufliche und akademische Bildung sind gleichwertige Karrierewege. Berufsausbildungen bieten ein Bildungs- und Arbeitsmarktticket von hochwertiger Qualifikation. Das wollen wir sichtbar und vergleichbar machen. Deshalb sollen die Abschlüsse in der dualen Ausbildung künftig Berufsspezialistin, Berufsbachelor und Berufsmaster heißen.

Und jeder dieser Abschlüsse eröffnet wieder neue Möglichkeiten. Die zahlreichen Übergänge zwischen beruflicher und akademischer Bildung bieten jungen Menschen viele Perspektiven. Nichts spricht dagegen, nach einer Ausbildung zum Beispiel als Anlagenmechaniker später an einer Hochschule Versorgungstechnik zu studieren. Und mancher Wirtschaftsstudent sehnt sich nach mehr Praxis und möchte vielleicht lieber eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann machen.

Durchlässigkeit bedeutet, wechseln zu können: Egal, ob ich mit einer Berufsausbildung oder einem Studium starte, ich kann nach jedem Abschluss in eine andere Laufbahn wechseln. Noch besser wäre es aber, wenn jeder gleich die berufliche Richtung einschlägt, die zu ihm passt. Dazu kann die qualifizierte Berufsorientierung einen wertvollen Beitrag leisten, gerade auch an Gymnasien.

Zurzeit sind mit rund 50 Schulen die Gymnasien jedoch unterrepräsentiert. Deshalb werden wir künftig Modellprojekte zur Berufsorientierung an Gymnasien - Sekundarstufe I – unterstützen. Die Aktiven vor Ort wissen selbst am besten, wie sie erfolgreich sein können. Darum sollen Gymnasien selbst erproben, welche spezifischen Bedarfe sie haben, um auch dort Berufsorientierung erfolgreich wirken zu lassen. Alle Schülerinnen und Schüler sollen ihre Potenziale und Talente entdecken und entwickeln können! Darum geht es.

IV.

Oft unbewusst, aber doch häufig engen gesellschaftliche und familiäre Erwartungen den Entscheidungsprozess der Mädchen und Jungen ein.

Mir liegt es am Herzen, dass die jungen Leute den Beruf wählen, der ihren Talenten und Interessen wirklich entspricht.

Deshalb unterstützen wir die jungen Menschen dabei, ihre eigenen Interessen zu entdecken, diese zu benennen und danach ihren Berufswunsch zu wählen.

Schließlich geht es bei der Berufswahl immer um das persönliche Leben, die berufliche Zufriedenheit sowie die gesellschaftliche Teilhabe jedes Einzelnen.

V.

Das gilt natürlich auch für junge Migranten. Etwa 5 Prozent der Schüler an allgemeinbildenden Schulen, die am Berufsorientierungsprogramm teilnehmen, sind neu zugewandert. Die meisten hatten bisher keine Vorstellung von dem dualen Ausbildungssystem in Deutschland. Natürlich gilt auch für sie: Sie müssen die eigenen Fähigkeiten erkennen und mit den Erwartungen und Anforderungen der Berufswelt in Deutschland abgleichen. Wir unterstützen darum spezifisch neu zugewanderte Jugendliche, sich beruflich zu orientieren und zu erkennen, wie wichtig eine Berufsausbildung ist. Nur so werden sie für den Arbeitsmarkt wirklich interessant, und nur so können wir die Fachkräftelücke verkleinern.

Deutsch zu sprechen ist Voraussetzung dafür, dass sie sich hier zurechtfinden. Gleichzeitig ist das für viele eine große Hürde. Auch hier unterstützen wir.

VI.

Meine Damen und Herren,

unsere Arbeitswelten ändern sich rasant. Darauf reagiert auch die Berufsausbildung. Schritt für Schritt modernisieren wir die Ausbildungsberufe weiter und investieren in Bildungsstätten.

Digitale Kompetenzen werden immer wichtiger. Und ja, selbstverständlich müssen auch Ausbilder und Lehrkräfte in Betrieben und Bildungsstätten, müssen auch Prüfer entsprechend qualifiziert werden.

Denn:

  • Eine wirksame Berufsorientierung nimmt Veränderungen in der Arbeitswelt auf,
  • eine wirksame Berufsorientierung unterstützt junge Menschen dabei, ihre individuellen Chancen und Potenziale zu erkennen;
  • eine wirksame Berufsorientierung zeigt allen jungen Menschen, dass sie in unserer Gesellschaft gebraucht werden.

Um den richtigen Platz zu finden, müssen wir jede Schülerin und jeden Schüler dazu motivieren:

Entdecke Dein Talent!