Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Sie gelten als funktionale Analphabeten. Bund und Länder unterstützen sie während der Dekade für Alphabetisierung mit passenden Angeboten.

Besser lesen und schreiben macht stolz © BMBF

Die Gutenachtgeschichte für die Kinder, die Speisekarte im Restaurant, der Brief von der Bank oder der Beipackzettel eines Medikaments – alltägliche Dinge wie diese sind für mehr als sieben Millionen Deutsche eine große Hürde. Denn sie können nicht richtig lesen und schreiben.

Mit vielfältigen Maßnahmen unterstützt das Bundesbildungsministerium Menschen dabei, Lesen und Schreiben zu lernen. © Thinkstock

Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind sogenannte funktionale Analphabeten. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende, auch kürzere Texte wie zum Beispiel eine schriftliche Arbeitsanweisung verstehen. Für etwa 14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen trifft das zu. Das hat die Studie "Level-One Survey (leo)" der Universität Hamburg im Jahr 2011 gezeigt.

Gesellschaftliche Teilhabe

2,3 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten der Studie zufolge als vollständige Analphabeten. Sie können ihren Namen und einzelne Worte schreiben. Ganze Sätze aber können sie weder lesen noch verstehen. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist für sie besonders schwierig. Aus Angst und Scham, sich als Analphabeten offenbaren zu müssen, trauen sich nur wenige, aktiv Hilfe zu suchen.

Dabei ist es nur ein kleiner Schritt, der so viel verändern kann. Damit mehr Menschen diesen Schritt wagen, unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung zahlreiche Programme, die es Analphabeten leichter machen, Lesen und Schreiben zu lernen.

Nationale Dekade der Alphabetisierung und Grundbildung

Bund und Länder wollen im Zeitraum von 2016 bis 2026 die Lese- und Schreibfähigkeiten von Erwachsenen in Deutschland deutlich verbessern. Sie haben deshalb eine Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade) ausgerufen. Erwachsene sollen mehr Angebote als bisher bekommen, die sie dabei unterstützen, besser Lesen und Schreiben zu lernen. Das Bundesbildungsministerium fördert die AlphaDekade mit bis zu 180 Millionen Euro.

Die Maßnahmen des Bundesbildungsministeriums gelten insbesondere arbeitsmarktnahen Themen und Zielgruppen. Ziel ist es zum Beispiel, Grundbildung in den Kontext von betrieblichen Weiterbildungsangeboten einzubauen.

Informationskampagne "Mein Schlüssel zur Welt"

Die Informationskampagne „Mein Schlüssel zur Welt“  informiert über funktionalen Analphabetismus und trägt dazu bei, das Thema zu enttabuisieren. Mit TV-, Radio- und Hörfunkspots sollen betroffene Menschen motiviert werden, den Schritt in die Weiterbildung zu gehen.

Erfolgsgeschichten

Tim-Thilo Fellmer © Tim-Thilo Fellmer

"Die Lust am Lesen entdeckt"

Tim-Thilo Fellmer ist heute Kinder- und Jugendbuchautor, Verleger und gefragter Referent – obwohl er lange Zeit nicht gut lesen und schreiben konnte. Mehr

Peggy Gaedecke © Mike Auerbach

"Meine Tochter hat mich motiviert"

Peggy Gaedecke hat es geschafft: Sie hat als Erwachsene Lesen und Schreiben gelernt. In ihrer Rolle als Mutter wird Peggy Gaedecke bewusst, wie sehr sie jeden Tag von ihren Erfolgen profitiert. Mehr

Karl Lehrer © Lutz Zimmermann

Vorbild für den eigenen Sohn sein

Wenn ein Mitarbeiter Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, schickt der Chef ihn zu Karl Lehrer. Der 51-Jährige kennt das Problem der Kollegen: er hat selbst erst mit 26 Jahren lesen und schreiben gelernt. Mehr

Jeder kann es lernen

In Deutschland besuchen jährlich viele tausend Betroffene Schreib- und Lesekurse für Erwachsene. Das sind tausende Beispiele, die zeigen, dass es jeder schaffen kann. Oft beweisen Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibfertigkeiten im Alltag viel Kraft und Kreativität. Sie entwickeln ausgeklügelte Strategien, damit die eigene Schwäche nicht auffällt – in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Das heißt aber auch: Jeder kann den Anstoß zum Lernen geben – die Familie und Freunde, Kollegen und Vorgesetzte.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Wo finde ich die richtigen Kurse?

© BMBF

Es gibt viele Anlaufstellen, die helfen wollen und können: das ALFA-TELEFON, die Volkshochschulen, Zentren für Erwachsenenbildung oder lokale Initiativen. Grundsätzlich gilt: Wer den ersten Schritt wagt, wird danach beim Lernen nicht allein gelassen. Hier zeigen wir Ihnen, wie man zu einem Kurs kommt. Oder Sie nutzen den interaktiven "Kursfinder" auf der Internetseite des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. – ein Klick mit der Maus und schon zeigt eine Deutschlandkarte Adressen und Telefonnummern von Kursangeboten.

Wie lange dauert das Lesen- und Schreibenlernen?

Wer bereits einzelne Buchstaben kennt und vier Stunden in der Woche investiert, wird nach einigen Monaten schon viele Wörter lesen können. Wer Wörter lesen kann, wird in der gleichen Zeit kleinere Texte lesen lernen. Und wer mit fortgeschrittenen Lese- und Schreibfertigkeiten startet, kann damit rechnen, sich innerhalb dieser Monate wichtige Rechtschreibregeln anzueignen und viel weniger Fehler zu machen

Wird die Teilnahme an solchen Kursen gefördert?

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Kurs zu finanzieren: Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur, die Bildungsprämie des Bundes, Ermäßigungen für Geringverdienende oder Alphabetisierungskurse für Zuwanderer. Fragen Sie einfach Ihre zuständige Arbeitsagentur oder – im Fall der Bildungsprämie – eine der fast 600 Beratungsstellen in Deutschland.

Projektauswahl

  • Das mit dem Innovationspreis für digitale Bildung ausgezeichnete VHS-Lernportal ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes, kostenfreies digitales Lernangebot des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Es bietet unter anderem Online-Kurse zur Alphabetisierung und Grundbildung, ein umfangreiches Angebot zum Erwerb von berufssprachlichen Kenntnissen sowie Übungen zum Lesen, Schreiben und Rechnen.
  • Statistisch gesehen ist fast jeder zehnte Beschäftigte in deutschen Unternehmen von funktionalem Analphabetismus betroffen. Trotzdem wissen nur wenige Personalverantwortliche, ob es in ihren Betrieben Bedarf an Grundbildung gibt. Das Projekt BasisKomPlus will Grundbildung als festen Bestandteil in der Personalentwicklung verankern.
  • Menschen mit funktionalem Analphabetismus lassen sich am besten durch vertraute Personen motivieren, fehlende Grundbildung nachzuholen. Deshalb nimmt das Projekt MENTO eine ganz neue Zielgruppe in den Blick: Es Kolleginnen und Kollegen der Betroffenen zu Mentorinnen und Mentoren sowie Lernberaterinnen und Lernberatern aus.
  • Das Projekt AlphaGrund entwickelt passgenaue Weiterbildungsmaßnahmen für Beschäftigte mit Grundbildungsbedarfen in Unternehmen. Projektpartner sind das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) und Bildungswerke der Wirtschaft in acht Bundesländern.
  • Neue Arbeitsschutzbestimmungen lesen, ein Pflegeprotokoll ausfüllen, ein Kochrezept entziffern oder den Kindern bei den Hausaufgaben helfen - das ist für zahlreiche Menschen in Deutschland eine große Herausforderung. Ein wichtiger Ansatz, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Auf diesem Hintergrund unterstützt das Bundesbildungsministerium (BMBF) gemeinsam mit dem BMFSFJ entsprechende Angebote von Mehrgenerationenhäusern (MGH). Mit ihren regionalen Strukturen und niedrigschwelligen Angeboten eignen sie sich besonders gut, Personengruppen anzusprechen, die bisher mit herkömmlichen Maßnahmen der Alphabetisierung und Grundbildung nur schwer erreicht werden konnten.
  • Im Hamburger Stadtteil St. Pauli wohnen viele Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Gleichzeitig ist die soziale, kulturelle und öffentliche Infrastruktur mit Stadtteilzentren, Gesundheitseinrichtungen oder sozialen Beratungsstellen im Kiez sehr gut ausgebaut. Das lässt sich noch besser für Alphabetisierung und Grundbildung nutzen, findet das Projekt „Neu Start St. Pauli“ – und wird Betroffene, Einrichtungen und Angebote zusammenbringen.
Der Anteil an funktionalen Analphabeten nach Branchen. © BMBF