Rappen gegen Radikalisierung

Plötzlicher Wandel der Persönlichkeit, Tunnelblick, Feindbilder, Entfremdung von Freunden und der Familie: Radikalisierung lässt sich erkennen – und gezielt verhindern. Wie das geht, zeigen die „Zivilen Helden“ in einem neuen interaktiven Rap-Video.

Ob islamistischer Extremismus, Rechts- oder Linksextremismus: Radikalisierung ist ein Prozess. Mal langsamer, mal schneller übernehmen Einzelne oder ganze Gruppen extreme Weltbilder, religiöse, soziale oder politische Ideologien. Betroffen sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Doch diese Entwicklung bietet auch Chancen: „Geschwister, Freunde, Bekannte oder Lehrer können aktiv in den Prozess der Radikalisierung eingreifen und diesen stoppen“, sagt Kriminaloberrat Harald Schmidt. Er leitet die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK), die sich am Verbundprojekt „PräDiSiKo“ beteiligt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Im Projekt entstand die Plattform „Zivile Helden“, auf der die ProPK über richtiges Verhalten bei Hass im Netz, in Gewaltsituationen und bei Radikalisierung informiert.

"Ich lass dich nicht allein damit!"

Die Plattform ist dabei mehr als nur ein Informationsportal. Mit interaktiven Rap-Videos als unterhaltsame „Türöffner“ wollen die Forschenden, Polizistinnen und Polizisten erreichen, dass sich vor allem Jugendliche mit dem Thema Zivilcourage beschäftigen. Denn gerade der Rückhalt von Freunden kann Radikalisierung verhindern. „Ich weiß, dass es nicht einfach ist – doch ich lass dich nicht allein damit!“, rappt ein junger Mann im Video. Sein Freund Chris war einige Zeit lang abgetaucht. Und plötzlich ist er zurück – mit radikalen Ansichten: „Wir halten uns immer alle für so frei – doch sind es nicht! Weil die westlichen Staaten uns alle lenken und sagen, was wir zu denken haben, und wie Marionetten versklaven…“, so Chris. Ein neuer Kumpel kenne sich damit gut aus. Und der belüge ihn sicher nicht…

User können den Ausgang der Geschichte selbst bestimmen

Sein richtiger Freund hingegen lässt nicht locker: Er hinterfragt, widerspricht, bietet Hilfe an – unterstützt von den „Zivilen Helden“. Denn die Nutzerinnen und Nutzer der Plattform können den Ausgang der Geschichte selbst bestimmen. Es liegt in ihren Händen, ob Chris sich im Video von seinen radikalen Gedanken abwenden wird. „Mit diesem Schwerpunkt unserer Kampagne wollen wir jungen Menschen Wege aufzeigen, um eine mögliche Radikalisierung zu erkennen“, erklärt Medienwissenschaftlerin Gabrielle Kille, die das Verbundprojekt koordiniert. „Wir geben den Jugendlichen sechs Tipps, um auf extreme Meinungen zu reagieren“, so die Expertin für visuelle Kommunikation.

Das sind die Verhaltensempfehlungen der „Zivilen Helden“ bei extremen Meinungen:

  1. Gründe für extremistische Äußerungen hinterfragen und mit guten Argumenten auf Widersprüche hinweisen.
  2. Abwertenden Äußerungen widersprechen.
  3. Respekt und Unterstützung zeigen; aber auch absolute Intoleranz gegenüber radikalen Einstellungen.
  4. Freunden mit problematischen Einstellungen immer wieder Unterstützung anbieten.
  5. Anderen im nahen Umfeld der Betroffenen um Hilfe bitten.
  6. Beweise extremistischer Äußerungen sichern – beispielsweise durch Screenshots.

Mehr zum Projekt

Das Konzept für „Zivile Helden“ wurde im Projekt „PräDiSiKo“ („Präventive digitale Sicherheitskommunikation“) von Expertinnen und Experten aus der Medienethik, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Rechtswissenschaft und der Ökonomie entwickelt. Das Verbundprojekt wird vom Bundesforschungsministerium im Programm „Forschung für die zivile Sicherheit“ gefördert.