Soziale Medien: Eine Gefahr für die Demokratie?

Am 26. Mai ist Europawahl. Wählen wir dabei noch frei – oder beeinflussen Algorithmen unsere Meinung? Im Interview spricht Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt über Meinungsvielfalt, den Ausbruch aus Filterblasen und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Falschmeldungen können sich in sozialen Netzwerken rasant verbreiten. © Adobe Stock / Jürgen Fälchle

Bmbf.de: Herr Schmidt, Falschmeldungen in den sozialen Medien wird ein erheblicher Einfluss auf den US-Wahlkampf zugeschrieben. Sehen Sie auch eine Gefahr für die Europawahl?

Jan-Hinrik Schmidt: Nicht in dem Ausmaß wie in den USA. Die Ausgangslage ist nicht vergleichbar: In Europa gibt es viele Sprachen und ganz unterschiedliche Mediensysteme – also mehr Vielfalt. Das erschwert gezielte Desinformationskampagnen. Mögliche Gefahren müsste man sich Land für Land anschauen.

Jan-Hinrik Schmidt erforscht die Meinungsbildung in sozialen Medien. © Hans-Bredow-Institut

Gut, schauen wir nach Deutschland…

Das Fernsehen ist nach wie vor die wichtigste Informationsquelle der Deutschen. Das zeigt der „Digital News Report 2018“ des Reuters Institute. Nur etwa jeder Dritte informiert sich regelmäßig über die sozialen Medien – und für die meisten dieser Personen sind diese auch nicht die einzige Informationsquelle. Aber natürlich können wir keine vollständige Entwarnung geben, weil es auch hierzulande Gruppen gibt, die anfällig für Desinformation sind.

Was meinen Sie damit?

Insbesondere Populisten und Anhänger von Verschwörungstheorien finden in den sozialen Medien sogenannte Resonanzräume oder Echokammern, in denen sie sich teils abschotten. Dort kommen sie mit ihresgleichen zusammen, um wechselseitig ihr Weltbild zu bestätigen. Wenn gezielt gestreute Fehlinformationen diese Ansichten stützen, dann werden sie geglaubt – so abstrus wir sie auch finden mögen.

Ist das eine Gefahr für die Demokratie – und den Zusammenhalt der Bürgerinnen und Bürger?

Das wollen wir am neuen „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ erforschen. Dabei interessiert uns vor allem die Rolle der Medien: Wie nutzen verschiedene soziale Gruppen die Medien? Welche Erwartungen haben sie an Journalisten – und welches Selbstbild haben diese? Es gibt noch viele offene Fragen, wobei ich nach derzeitigem Wissensstand sagen würde: Es sind nur wenige Menschen, die sich in den Echokammern der sozialen Medien abschotten und polarisieren. Für die meisten Menschen gilt: Soziale Medien fördern den Zusammenhalt. Sie helfen dabei, sich auszutauschen und in Kontakt zu bleiben – mit Freunden und Bekannten in der ganzen Welt.

Irgendwie auch eine Filterblase, oder? Freunde und Bekannte sind meist Gleichgesinnte…

Klar, das liegt in unserer Natur. Aus der Sozial- und Verhaltensforschung weiß man, dass Menschen dazu neigen, sich eher bestätigend zu informieren. Sie lassen ihr Weltbild ungern erschüttern – daher umgeben sie sich mit Gleichgesinnten. Die Mechanismen sind also nicht neu. Aber die sozialen Medien verstärken sie.

Inwiefern?  

Die Algorithmen von Facebook und Co. nutzen unsere Kontaktnetzwerke und die Datenspuren, die wir etwa durch das Liken und Teilen von Inhalten hinterlassen, um uns Neues vorzuschlagen. Wenn uns aber vorrangig Inhalte empfohlen werden, die dem ähnlich sind, was wir oder unsere Kontakte in der Vergangenheit bereits gemocht haben, befeuert das die Einseitigkeit. Das ist das Gegenteil von Vielfalt.

Was kann man dagegen tun?

Zuallererst: Erkennen, dass man in einer Filterblase steckt. Wer dann ausbrechen möchte, sollte bewusst auch mal über den Tellerrand schauen – also etwa nach dem Lesen der FAZ auch die Seite der taz besuchen. Das schadet übrigens auch jenseits von sozialen Medien nicht. Sprechen Sie mit Andersdenkenden! Das erweitert den Horizont, schafft Verständnis und stärkt den Zusammenhalt.

Anders Liken, um den Algorithmus zu bezwingen? Klingt nach David gegen Goliath…

Ja, hier ist daher vor allem die Politik gefragt. Sie muss Druck auf die Internetgiganten machen. Wie funktionieren die Algorithmen, wie wird gefiltert? Das sollte jeder Betreiber von sozialen Medien darlegen müssen – insbesondere bei Wahlwerbung. Es ist nicht tragbar, wenn ein Teil der Meinungsbildung der gesellschaftlichen Kontrolle und Gestaltung entzogen bleibt.

Können Sie das genauer erklären?

Bei Wahlwerbung sollte ersichtlich sein, warum mir diese angezeigt wird. Weil ich ein Mann bin, in einer bestimmten Region lebe oder das passende Alter habe? Hier ist Transparenz gefragt.

Glauben Sie daran, dass die Internetgiganten dabei mitziehen?

Ja. Sie können sich langfristig keine weiteren Skandale erlauben. Und das Mitziehen ist nicht schwer: Algorithmen sind formbar! Wenn es die Social-Media-Giganten mit der Transparenz erst meinen, können sie zur Meinungsvielfalt beitragen. Das Zeug dazu haben sie: Sie bieten eine bislang unbekannte Fülle an Informationen – also auch die Chance für Jeden und Jede, vertieft zu recherchieren.

Herr Schmidt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Institut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Jan-Hinrik Schmidt ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am „Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut“ (HBI). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf den Entwicklungen des „Web 2.0“ beziehungsweise der „sozialen Medien“. Dabei interessieren ihn insbesondere die Veränderungen von Informationsverbreitung und Meinungsbildung sowie die Praktiken und Strukturen, die digitale Kommunikation regulieren.
Das HBI ist Teil des neuen Instituts für Gesellschaftlichen Zusammenhalt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Der Forschungsbeitrag der HBI-Forschenden orientiert sich an der Leitfrage, welche Rolle Medien und Kommunikation für gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen.