"Warum sollten Jungs besser Mathe können?"

Faire Chancen für Mädchen und junge Frauen abseits traditioneller Studienfächer und Berufe: Dafür setzt sich das Ministerium für Bildung und Forschung ein. Passend zum Internationalen Frauentag konnte das MINT-Netzwerk den 300. Partner gewinnen.

Sehr geehrter Herr Dr. Vutz,

sehr geehrte Frau Dr. Struwe,

sehr geehrte Frau Benning,

sehr geehrte Damen und Herren,

Sie wissen sicher, warum ich heute so entspannt hier bei Ihnen in Lengerich, in meiner Heimat sein kann? In Berlin sind die Läden dicht, im Ministerium kommt keiner zur Arbeit, da ist gesetzlicher Feiertag! 8. März, Frauentag! Die Berliner fühlten sich lange benachteiligt.  Darum haben sie jetzt zum ersten Mal diesen Feiertag.

Mir ist das nur recht! Zumal es hier in Lengerich heute auch um uns Frauen geht.

Ich freue mich, dass wir hier heute die Windmöller & Hölscher KG als 300. Partner des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen begrüßen. Sie sind Marktführer für Maschinen zur Herstellung flexibler Verpackungen. Ohne MINT-Fachkräfte geht bei Ihnen nichts. Und was hier in Lengerich gilt, das gilt auch in ganz Deutschland:

Nur mit gut ausgebildeten MINT-Fachkräften – Männern und Frauen –, können wir unseren Wohlstand in einer digitalen, globalisierten Welt wahren.

Wir in Deutschland sind Glückskinder. Es geht  uns so gut wie nie. Wir sind die viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Und das, obwohl wir nur wenige Rohstoffe haben. Obwohl in unserem Land gerade mal ein Prozent der Weltbevölkerung lebt. Wie kann das sein?

Weil unter diesem einen Prozent viele talentierte, gut ausgebildete Menschen sind. Junge genauso wie Alte. Mädchen genauso wie Jungen.

  • Sie sind die Ressource, auf die wir unsere Zukunft bauen
  • Sie machen die große Innovationskraft unserer Wirtschaft aus.

Globalisierung und Digitalisierung führen dazu, dass der weltweite Wettbewerb intensiver und schneller wird. Spätestens seit Google, Apple, Amazon und Co innerhalb von nur zehn Jahren zu den wertvollsten und mächtigsten Unternehmen der Welt aufgestiegen sind, ist klar, dass der Innovationswettbewerb stark in den neuen Technologiefeldern stattfindet.

Spätestens seitdem die Künstliche Intelligenz riesige neue Möglichkeiten eröffnet, wird klar, dass wir uns anstrengen müssen. Dabei ist unser Blick nicht mehr nur nach Westen gerichtet. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es immer kurz und knapp: In China ist ein Riese erwacht. Ihn gilt es nicht zu unterschätzen. Nur wenn Europa, nur wenn Deutschland als Lokomotive Europas weiterhin in der ersten Liga mitspielen, werden wir unseren Wohlstand erhalten können. Nur dann werden wir die Chancen der Digitalisierung zum Wohle aller nutzen können. Nur dann werden wir den Wandel gestalten können, so wie wir ihn brauchen und wie er unseren Werten und Kriterien entspricht.

Gestalten kann am besten, wer sich auskennt. Auch deswegen ist es wichtig, dass Männer UND Frauen in die technischen Bereiche streben. Damit wir gemeinsam unsere Zukunft gestalten.

Meine Damen und Herren,

als ich Fliegen gelernt habe, waren die meisten anderen Flugschüler Männer. In meinem Mathe-Leistungskurs in der Schule war das Bild ähnlich: Wir Mädchen waren in der Minderheit, wenn auch nicht ganz so deutlich. Verstanden habe ich das nie. Warum sollten Jungs besser Mathe können als ich? Oder warum sollten sie bessere Piloten sein?

Egal, ob es um Informatik, Mathe, Physik oder Technik geht – ich bin überzeugt: Frauen können das ebenso gut wie Männer. Darum möchte ich mehr Mädchen und junge Frauen ermutigen, sich in diesen Fächern auszuprobieren und später einen entsprechenden Beruf zu ergreifen.

Das ist mir nicht nur ein persönliches Anliegen. Wir brauchen Mathematikerinnen, Ingenieurinnen und Mechatronikerinnen. Wir brauchen sie in Hochschulen, in Unternehmen, in Handwerksbetrieben. Als gut ausgebildete, gleichberechtige Arbeitskräfte in einer modernen, digitalisierten Welt.

Die Gründe sind klar:

  1. Wir brauchen mehr Fachkräfte, Fachkräfte in MINT-Fächern. Sie sind die knappste Ressource auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Immer mehr Stellen bleiben unbesetzt. Wir wollen, dass mehr junge Frauen die Chancen dieser Berufe erkennen. Junge Frauen bringen beste Voraussetzungen mit – sowohl im Hinblick auf ihre schulischen Leistungen, als auch im Hinblick auf ihre sozialen Kompetenzen. Wir können es uns nicht leisten, auf die Begabungen und Potenziale dieser gut ausgebildeten und motivierten jungen Frauen zu verzichten.
  2. Wir brauchen mehr Frauen. Frauen sehen die Dinge mit anderen Augen. Und dass ist gut so! Sie bringen neue Impulse in Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen. So entstehen neue, kreative Ideen. So entstehen bessere Produkte.
    Eine Unternehmenskultur, die auf gemischte Teams setzt, ist längst die entscheidende Voraussetzung dafür, um auch international erfolgreich zu sein.
  3. Wir brauchen individuelle Lebensperspektiven für jeden. Frauen und Männer sollen den Beruf wählen können, den sie sich wünschen und der zu ihnen passt.
    Wir wollen und müssen alle ein Leben lang arbeiten. Wir wollen mit Freude arbeiten. Deshalb ist es wichtig, Männern wie Frauen individuelle Karriereperspektiven, die Zufriedenheit und Freude im Arbeitsleben bringen, aufzuzeigen.

Die kommenden Jahrzehnte werden geprägt sein von naturwissenschaftlichen, mathematischen und Informatikentwicklungen. Wer gutes Geld und gute Entwicklungsperspektiven möchte, findet sie in den MINT-Berufsfeldern. Gerade für Mädchen und Frauen bieten diese Berufe auch flexible Vorteile. Denn nach wie vor ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Kriterium für Frauen. Ebenso wollen Frauen sehen, wofür sie etwas entwickeln. Hier sind Unternehmen gefragt, ihre MINT-Berufe anders zu bewerben.

Um die Attraktivität dieser Berufe in den Fokus zu stellen, hat mein Haus einen ganzen MINT-Aktionsplan aufgestellt. Er sieht für die nächsten Jahre ein Bündel an Maßnahmen vor. Im Jahr 2008 haben wir den Nationalen Pakt gestartet – mit damals 46 Partnern. Mit Ihnen, meine Damen und Herren, mit dem Unternehmen Windmöller & Hölscher, sind wir heute bei 300 Partnern angelangt.

Der Nationale Pakt hat das Ziel, dass die vielen Partner und Förderer ihre Aktivitäten koordinieren und ihre Erfahrungen austauschen können. Gerade in den ländlichen Regionen, wie hier im Tecklenburger Land und im angrenzenden Münsterland, ist das von zentraler Bedeutung. Wir haben den Anspruch, die jungen Leute entlang der gesamten Bildungskette in den MINT-Fächern auszubilden und sie bei der Studien- und -Berufswahl kontinuierlich zu unterstützen.

Das Münsterland und das Tecklenburger Land sind da vorbildlich. In den vergangenen Monaten sind weitere Partner aus der Region dem Pakt beigetreten, beziehungsweise es gibt gute Gespräche dazu. Die Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Partner begrüße ich herzlich. Sie alle engagieren sich seit vielen Jahren aktiv in der MINT-Förderung – dafür danke ich Ihnen, auch im Namen der Bundeskanzlerin, sehr.

Ihr Engagement ist beeindruckend:

  • Der Girls Day ist bei Ihnen seit vielen Jahren eine feste Größe.
  • Sie arbeiten mit den verschiedenen Schulen zusammen, ermöglichen Praktika, unterstützen die Schülerinnen und Schüler bei Projekttagen.
  • Es gibt die Kinder-Uni Steinfurt und das „DiscoverING Camp“.
  • Es gibt das deutsch-niederländische Projekt „MINT LAB auf Schlössern“.
  • Und bei „meet.ME“ am 5. Juli in Leipzig wird auch Windmöller & Hölscher für interessante MINT-Stellen werben. Ich kann mir schon denken, dass sich viele Studentinnen und Absolventinnen der MINT-Fächer auf diesem großen Karriereevent für Sie interessieren.

Unsere gemeinsamen Anstrengungen sind erfolgreich: Seit 2008 hat sich die Zahl der MINT-Studienanfängerinnen im ersten Fachsemester insgesamt fast verdoppelt - von fast 60.000 auf über 115.000. Von allen Studierenden, die ein MINT-Studium beginnen, war damit 2017 jede dritte eine Frau. Bei den Ingenieurwissenschaften liegt der Frauenanteil mittlerweile bei über 25 Prozent.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn jeder seine Talente entfalten und seinen Platz in dieser Gesellschaft finden kann, dann ist das ein großes Glück für den Einzelnen und für die ganze Gesellschaft. Dann werden wir auch die digitale Zukunft meistern können. Ich denke, wir in Deutschland und Europa haben die besten Voraussetzungen dafür.

Im Namen aller Pakt-Partner heiße ich Sie herzlich willkommen und freue mich sehr auf eine engagierte und erfolgreiche Zusammenarbeit!