Wie trägt die Bioökonomie zur nachhaltigen Entwicklung bei?

Die Bioökonomie kann dazu beitragen, die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Wie entwickelt sich die biobasierte Wirtschaft tatsächlich, wie wirkt sie sich auf Klima und Umwelt aus? Antworten liefert der erste Bericht zum Bioökonomie-Monitoring.

Bioökonomie und Nachhaltigkeit
Biobasierte Ressourcen entstehen in der Land- und Forstwirtschaft, in der Fischerei, aber auch in biotechnologischen Laboren. Wie nachhaltig sie produziert, verarbeitet und konsumiert werden verraten die ökologischen Fußabdrücke der Bioökonomie. © Projektträger Jülich

Heute wurde der diesjährige globale Erdüberlastungstag bekanntgegeben. Am 22. August werden die Ressourcen aufgebraucht sein, die der Menschheit in diesem Jahr für eine nachhaltige Nutzung zur Verfügung stehen. Dazu erklärt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek: „Langfristig wollen wir von der Nutzung begrenzter fossiler Ressourcen wegkommen – hin zu einer Wirtschaftsweise, die biologische Ressourcen und Prozesse nutzt. Wir nennen das „Bioökonomie“. Damit denken wir Wirtschaft und Ökologie zusammen. Wir denken in Kreisläufen, zum Beispiel, indem man biologische Reststoffe nicht wegwirft, sondern ganz gezielt weiter nutzt. Das hilft der Umwelt und dient dem Klimaschutz. Doch dafür müssen wir noch besser wissen, was wirklich nachhaltig ist. Antworten gibt der erste Bericht zum Bioökonomie-Monitoring. Die Bioökonomie macht unsere Wirtschaft nicht nur nachhaltiger, sie kann sie auch widerstandsfähiger machen. Die aktuelle Krise ist auch eine Chance, einen großen Schritt in Richtung einer Kreislaufwirtschaft zu machen. So werden wir es gemeinsam schaffen, den nächsten Erdüberlastungstag noch weiter nach hinten zu verschieben.“

Die Vermessung der Bioökonomie entlang der Nachhaltigkeitsziele

Das Monitoring der deutschen Bioökonomie orientiert sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Wo und unter welchen Bedingungen werden biogene Rohstoffe erzeugt und verbraucht? Und wie trägt die Bioökonomie zu Beschäftigung und Wertschöpfung, aber auch globaler Ernährungssicherung bei? Fünf ökologische Fußabdrücke zeigen detailliert, wie sich die Bioökonomie auf Klima und Umwelt auswirkt.

Professor Stefan Bringezu, Direktor des Center for Environmental Systems Research der Universität Kassel, ist Gesamtkoordinator des Bioökonomie-Monitoring-Berichts. Bringezu erläutert wichtige Trends und Treiber: „Wie sich die Produktion und der Konsum nachwachsender Rohstoffe entwickeln, entscheidet über die Versorgungssicherheit, den weiteren Strukturwandel und den Grad der erreichten Nachhaltigkeit. Wir sehen einige positive Trends, doch wir sehen auch, dass die politischen Aktivitäten in Richtung Ressourceneffizienz und Klimaschutz verstärkt werden sollten. Verabschieden sollten wir uns von der Vorstellung, dass möglichst viele mineralische Rohstoffe durch nachwachsende ersetzt werden sollten. Dazu ist der Planet zu klein. Die Zukunft liegt in der effizient kombinierten Nutzung biobasierter und nicht-biobasierter Ressourcen. Potenzial sehen Expertinnen und Experten im Bereich technologischer Innovationen. Gerade in den Bereichen Pharma, Chemie und Maschinenbau sind im letzten Jahrzehnt wichtige Patente entstanden, die zum Erfolg der Bioökonomie beitragen können. Hierzu hatten wir aufgrund des Beobachtungszeitraums für das Monitoring noch nicht genügend Daten, wollen das aber in Zukunft genauer bestimmen.“

Von der Entstehung bis zum Konsum: Der Weg biobasierter Ressourcen

In der Bioökonomie arbeiteten 2017 rund zehn Prozent der deutschen Erwerbstätigen. Je nach Abgrenzung und Modellierung trug die Bioökonomie im gleichen Jahr zwischen 165 und 265 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung zur Wirtschaft bei.

Biobasierte Rohstoffe entstammen der Forst- und Landwirtschaft, der Fischerei, aber auch dem Garten- und Landschaftsbau sowie der Abfallwirtschaft. Rund 185 Millionen Tonnen wurden 2015 erzeugt. Hinzu kommen 72 Millionen Tonnen aus dem Import, welche den Export von 65 Millionen Tonnen leicht übersteigen. Genutzt werden sie in vielen Wirtschaftszweigen, zum Großteil im verarbeitenden Gewerbe, zum Beispiel um Nahrungs-und Futtermittel oder Holzwaren herzustellen. Auch Dienstleistungen und die Nutzung zur Energiegewinnung sowie Forschung und Entwicklung tragen zur Bioökonomie bei.

Die Holzwirtschaft – ein gutes Beispiel für eine biobasierte Kreislaufwirtschaft

Die Forst- und Holzwirtschaft ist schon heute vergleichsweise nachhaltig. Die Holzwirtschaft trägt wesentlich zur Kreislaufwirtschaft bei, denn über die Hälfte der genutzten Holzfasern stammt aus Recycling und Reststoffen. Holz wird also mehrfach verwendet. Zudem wächst in den deutschen Wäldern mehr Holz als wir derzeit verbrauchen. Würden wir dieses Potenzial nutzen, könnte Deutschland seinen Holzbedarf selbst decken. Das ließe den Forstfußabdruck im Ausland erheblich sinken. Aktuell ist Deutschland ein Netto-Importeur von Holz.

Die Landwirtschaft muss nachhaltiger werden – und braucht dazu eine geänderte Nachfrage

Auch die Rohstoffe aus der Landwirtschaft sollen nachhaltig produziert und konsumiert werden. Der Agrarsektor steht aber noch vor größeren Herausforderungen. Deutschland nutzt weit mehr agrarische Rohstoffe, als auf der in Deutschland verfügbaren Fläche erzeugt werden können. Der Agrarfußabdruck ist enorm. Dazu trägt bei, dass über die Hälfte des in Deutschland angebauten bzw. importierten Getreides als Tierfutter genutzt wird. Der Konsum von Fleisch- und Molkereiprodukten belastet auch den Klima-Fußabdruck der Bioökonomie. Doch auch hier zeichnen sich nachhaltige Trends ab: Mehr Menschen verzichten auf Fleisch und kaufen Produkte aus Ökolandbau. Dabei entlastet der Ökolandbau die Umwelt, benötigt jedoch tendenziell mehr landwirtschaftliche Fläche. Diese könnte ausgeglichen werden, wenn künftig weniger Waren weggeworfen werden.

Positive Trends deuten sich beim Wasserfußabdruck an. Die importierten Rohstoffe stammen teils aus trockenen Gebieten, in denen bewässert werden muss. Die Nachfrage entwickelt sich aktuell so, dass der Wasserfußabdruck insgesamt sinkt, allerdings wird anteilsmäßig mehr aus Gebieten mit starker Wasserknappheit wie dem Nahen Osten bezogen.

Hintergrund

Die Vorbereitung zum Bioökonomie-Monitoring wurde 2016 gemeinsam vom Bundesforschungs-, Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerium gestartet. Es ist integraler Bestandteil der neuen Nationalen Bioökonomiestrategie der Bundesregierung. Das BMBF förderte dazu den Verbund „Systemisches Monitoring und Modellierung der Bioökonomie", kurz SYMOBIO, mit rund drei Millionen Euro. In SYMOBIO arbeiten acht Institutionen zusammen. Geplant ist eine Fortführung des Monitorings, um regelmäßig einen Überblick über Trends und Treiber der Bioökonomie zu erhalten.

Ergänzende Initiativen des BMEL und des BMWi förderten Forschungsvorhaben des Johann Heinrich von Thünen-Instituts zur Produktion in Landwirtschaft, Forst und Fischerei sowie eines Konsortiums unter Leitung des ifo Institut zu wirtschaftlichen Kennzahlen der Bioökonomie. Auch deren Ergebnisse sind im ersten Bericht enthalten.