„Wir können von Lateinamerika lernen“

Wie lösen Menschen in Brasilien, Argentinien und anderen Ländern der Region gesellschaftliche Krisen? Ein vom BMBF gefördertes Projekt soll das erforschen. Was das mit Smartphones und Kaffee zu tun hat, erläutert Projektleiter Kaltmeier im Interview.

Krisen werden in Lateinamerika (hier ein Bild von Cartagena in Kolumbien) anders gelöst als in Europa. Warum, soll ein Projekt erforschen. © Adobe Stock / LMspencer

Herr Kaltmeier, Sie erforschen, wie Menschen in Lateinamerika Krisen bewältigen. Ich nehme an, wir reden nicht über das 1:7 der Brasilianer 2014 im Fußball gegen Deutschland, sondern um echte Probleme, oder?

Olaf Kaltmeier: Na ja, für mich steht es da immer noch 5 zu 4 für Brasilien, was die Weltmeistertitel angeht. Aber im CALAS, dem Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies, geht es in der Tat vornehmlich um andere Dinge. Wir wollen herausfinden, welche Antworten die Menschen auf verschiedene gesellschaftliche Herausforderungen und Probleme finden. Fußball gehört bislang nicht dazu. Wichtig ist uns dabei, Lateinamerika nicht als Krisenkontinent zu zeigen. Dieses Bild zeichnen die Medien schon oft genug. Wir wollen uns wirklich auf die Lösungen konzentrieren. Zum Beispiel wird es auch um die Menschen gehen, die in verschiedenen Regimen Opfer von Militärdiktaturen wurden, die jetzt aber an der konstruktiven Aufarbeitung des Unrechts beteiligt werden.

Olaf Kaltmeier von der Universität Bielefeld leitet das Projekt CALAS.
Olaf Kaltmeier von der Universität Bielefeld leitet das Projekt CALAS. © Olaf Kaltmeier

Warum ist Lateinamerika für uns hier in Europa wichtig?

Weil es weit in unseren Alltag hineinreicht. Zum Frühstück gibt es Kaffee aus Nicaragua, im Smartphone-Akku ist Lithium aus Bolivien verbaut, das Rindfleisch zum Mittag kommt aus Brasilien oder Argentinien, oder Sie essen gleich Schwein, das mit Soja aus den entsprechenden Ländern gefüttert wurde; kurz und gut: Sie kommen gar nicht an Produkten aus dieser Region vorbei. Wir leben in einer globalen Welt und haben in Teilen sogar eine gemeinsame Geschichte.

Was genau ist das Ziel des Projekts?

Es gibt zwei Ziele. Das erste umfasst den Aufbau von Strukturen. Daran arbeiten wir bereits seit fast zwei Jahren. Wir wollen ein Forschungszentrum in Lateinamerika etablieren, ein Center for Advanced Studies. Es wird das erste deutschlandweite Kooperationsprojekt mit Einrichtungen aus Lateinamerika. Es soll ein Raum werden für exzellente Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Dialog zwischen Deutschland und Lateinamerika, aber auch innerhalb des Kontinents über die nationalen Grenzen hinweg, soll gestärkt werden. Zweitens wollen wir herausfinden, welche Entwicklungen die Menschen überhaupt als Krise wahrnehmen, und was sie dann dagegen unternehmen. Das können ganz unterschiedliche Antworten sein: aktive Ansätze, aber auch Verdrängungsstrategien. Wir wollen die Muster dahinter offenlegen. Am Ende werden unsere Erkenntnisse unter anderem in eine Datenbank zu Strategien der Konfliktlösung einfließen.

Welche Probleme werden verdrängt? Haben Sie dafür Beispiele?

Viele Dinge, die mit dem Thema Umweltschutz zusammenhängen. Davor verschließen zu viele Menschen noch die Augen. In Brasilien wird aktuell diskutiert, Naturschutzgebiete einzuschränken, damit dort im Amazonas wieder abgeholzt werden kann.

Und welche Themen gehen die Menschen offen an?

Es gab in den frühen 90er Jahren eine starke indigene, also von den Eingeborenen getragene Bewegung. Sie forderten zu Recht eine größere gesellschaftliche Teilhabe. Wissenschaftlich gesprochen war das eine Krise der demokratischen Repräsentation. Es wurden ganz neue Konzepte in den Bereichen Interkulturalität, aber auch Plurinationalität entworfen, die einige Jahre später in den Verfassungen vieler Länder verankert wurden. Das Modell eines homogenen Nationalstaates wurde zurückgedrängt, heute definieren sich viele Staaten als pluriethnisch, im Fall von Bolivien und Ecuador sogar als plurinational. Bei diesem Thema, also Inklusion anderer Kulturen in eine Gesellschaft, können wir in Europa einiges von Lateinamerika lernen. Vor allen Dingen Gelassenheit und Solidarität.

Die Abholzung des Regenwalds bleibt ein großes Konfliktthema. © Adobe Stock / gustavofrazao

Wie definieren Sie, was eine Krise ist?

Wir haben uns bewusst gegen eine allgemeingültige Definition entschieden. Das hätte nur Diskussionen zur Folge gehabt, ob unsere Vorstellung überhaupt mit den Verhältnissen vor Ort übereinstimmen. Wir lassen lieber die Menschen selbst zu Wort kommen und schalten uns ein, wenn diese selbst von Krise sprechen. Oftmals sind das Kreative und Kulturschaffende, die ein sehr feines Gespür dafür haben, wenn etwas schiefläuft und das dann auch offen ansprechen.

In dem Projekt arbeiten viele verschiedene Einrichtungen zusammen. Wie ist das organisiert?

Wir arbeiten in Tandemstrukturen, es kooperiert immer eine Einrichtung aus einem lateinamerikanischen Land zusammen mit einer aus Deutschland. Die Zusammenarbeit ist absolut gleichwertig angelegt. Jedes Tandem bekommt ein spezielles Oberthema: Gewalt etwa wird von Costa Rica und Hannover bearbeitet, soziale Ungleichheit liegt bei Kassel und Quito, Bielefeld und Guadalajara bearbeiten das Thema Umweltkrisen. Um den Bereich Identität und Krise kümmern sich Jena und Buenos Aires.

Gibt es kulturelle Unterschiede in der Herangehensweise?

Ja, wir merken, dass die Forschung in Lateinamerika noch sehr oft an den Grenzen der Nationalstaaten Halt macht – und das, obwohl es mit spanisch eine gemeinsame Sprachgrundlage gibt. Unser Projekt soll deshalb nicht nur den Wissenstransfer zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen den einzelnen Nationalstaaten beschleunigen.

Herr Kaltmeier, wir danken Ihnen für das Gespräch.