Wir müssen die Berufsausbildung stärken – gerade jetzt

Die Corona-Pandemie stellt den deutschen Arbeitsmarkt vor ungeahnte Herausforderungen. Daher ist es umso wichtiger, dass wir uns um den Fachkräftenachwuchs kümmern, schreibt Bundesbildungsministerin Karliczek im Gastbeitrag für das "Handelsblatt".

Dieser Gastbeitrag von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek erschien zuerst am 7. August 2020 im "Handelsblatt".

Das Ausbildungsjahr hat begonnen und damit für viele junge Menschen der Start in ein erfolgreiches Berufsleben. Das gilt auch für das Krisenjahr 2020. Für uns alle ist dieses besondere Jahr ein Jahr mit vielen Fragezeichen. Betriebe wissen häufig nicht, wie sich die Auftragslage entwickeln wird.

Und auch junge Leute sind verunsichert. Ausbildungsmessen konnten nicht stattfinden, Bewerbungsgespräche wurden verschoben. Die Bundesagentur für Arbeit meldet einen deutlichen Rückgang sowohl bei den Bewerbern als auch bei den Ausbildungsplätzen.

Die Unsicherheit ist sowohl aufseiten der Bewerber als auch der Unternehmen aktuell sehr hoch. Doch gerade deshalb gilt: Genau jetzt ist die Zeit, für die Zukunft vorzusorgen. Ich appelliere daher an alle Unternehmen, trotz der Krise auch in diesem Jahr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen und an die Zeit nach Corona zu denken.

Großer Fachkräftemangel

Denn die Coronakrise ändert nichts an der Tatsache, dass wir weiterhin dringend gut ausgebildete junge Menschen brauchen. Wir haben vor der Krise händeringend nach Fachkräften gesucht, und das werden wir auch nach der Krise tun. Der Wohlstand unseres Landes hängt unmittelbar von unserer Innovationskraft ab – von Qualität „made in Germany“; entwickelt durch bestens ausgebildete Fachkräfte.

Anja Karliczek
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Noch ein weiterer Punkt liegt mir am Herzen: Die jungen Menschen, die jetzt die Schule verlassen, sollen eine gute berufliche Perspektive haben. Unsere verschiedenen Ausbildungswege gewährleisten das. Dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so gering ist, hängt wesentlich mit unserer exzellenten dualen Ausbildung zusammen. Ich appelliere deshalb genauso an alle Absolventinnen und Absolventen, sich trotz Corona um ihre Ausbildung zu kümmern – sich gerade jetzt einen Ausbildungsplatz zu suchen, nachzufragen, sich persönlich vorzustellen.

Wir in der Bundesregierung wollen die Berufsausbildung stärken – gerade jetzt. Gemeinsam mit den Ländern, mit Wirtschaft und Gewerkschaften analysieren wir in der „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt sehr genau. Dabei haben wir beide Seiten im Blick, die der Ausbilder und die der Auszubildenden. So werden wir beispielsweise gleich nach den Sommerferien Veranstaltungen zur Berufsorientierung, die wegen der geschlossenen Schulen ausfallen mussten, nachholen – teilweise auch in digitalen Formaten.

Aufstiegs-BAföG gilt seit August

Seit dem 1. August gilt das neue, weiter verbesserte Aufstiegs-BAföG. Wer beruflich aufsteigen möchte, erhält jetzt eine Unterhaltsförderung als Vollzuschuss. Für eine Familie mit zwei Kindern beispielsweise können das bis zu rund 1600 Euro im Monat sein. Und wenn eine Fortbildung wegen der Coronakrise unterbrochen werden muss, wird die Förderung weitergezahlt. Das ist wichtig, damit alle – auch ältere Arbeitnehmer – die Chance haben, sich beruflich weiterzuentwickeln.

Auch die Ausbildungsbetriebe lassen wir nicht im Stich. Wir unterstützen kleine und mittelgroße Unternehmen, die durch die Krise wirtschaftlich besonders belastet sind. Sie erhalten Prämien von bis zu 3000 Euro, wenn sie die Zahl ihrer Ausbildungsplätze stabil halten oder sogar noch steigern und wenn sie Auszubildende aus pandemiebedingt insolventen Betrieben übernehmen.

Europäischer Ansatz wichtig

Wir setzen uns dafür ein, dass junge Menschen in von Corona betroffenen Unternehmen ihre Ausbildung zeitweise in anderen Betrieben fortsetzen können. Außerdem können Unternehmen eine Förderung erhalten, wenn sie ihre Auszubildenden trotz Krise nicht in Kurzarbeit schicken.

In ganz Europa soll berufliche Bildung Unterstützung und Anschub bekommen. Sie ist einer der Schwerpunkte der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in diesem Halbjahr. Denn ich bin überzeugt: Berufliche Bildung ist attraktiver denn je.

Für junge Leute: Denn wer eine Ausbildung macht, hat langfristig gute Job- und Aufstiegschancen vor sich. Und für die Betriebe: Wer in der Krise ausbildet, hat nach der Krise die notwendigen Fachkräfte – und trägt dazu bei, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Das neue Ausbildungsjahr ist auch 2020 ein Jahr mit vielen Chancen und Möglichkeiten.