Julia Regnery im Interview: "Die Arktis ist der Hotspot des Klimawandels"

Julia Regnery hat als wissenschaftliche Koordinatorin an der größten Arktisexpedition aller Zeiten an Bord der POLARSTERN teilgenommen. Im Interview spricht die Biogeochemikerin über Erkenntnisse der Expedition und eine ganz besondere Begegnung. 

Julia Regnery
© AWI/ Marcel Nicolaus

Frau Regnery, der große deutsche Forschungseisbrecher, die POLARSTERN, hat von September 2019 bis Oktober 2020 ein Jahr im arktischen Eis verbracht. Was wissen wir jetzt, was wir vorher nicht wussten?

Wir haben schon jetzt herausgefunden, dass die Eisdrift sehr viel schneller war als erwartet. Sprich, wir sind sehr viel schneller durch die zentrale Arktis gedriftet als Fridtjof Nansen 126 Jahre vor uns. Das zeigt, dass das arktische Eis sowohl in seiner Ausdehnung als auch im Volumen deutlich abgenommen hat. Der Ozean nimmt immer mehr Wärme auf, dadurch kühlt sich das Wasser im Spätsommer langsamer ab und es bilden sich erst später Eisschollen, die dann auch noch kleiner bleiben. Diese kleineren Schollen sind dann anfälliger für Wind und Wetter und treiben schneller mit der Transpolardrift über den Nordpol.

Ein Polarforscher entnimmt Wasserproben aus einem Loch im Eis.
© Alfred-Wegener-Institut/Stefan Hendricks (CC-BY 4.0) 

Besonders an der Expedition ist, welch umfassendes Bild wir durch die enge Zusammenarbeit aller Disziplinen von der Ökologie und Biogeochemie über die Ozeanographie und Meereisphysik bis hin zur Atmosphärenphysik von der Arktis gewonnen haben. Beispielsweise gab es vor der MOSAiC-Expedition kaum Daten über das Ökosystem in der Arktis aus den Wintermonaten. Weitere Erkenntnisse werden wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erlangen, wenn wir den riesigen Datensatz und die tausenden von Proben, die wir mitgebracht haben, vollständig ausgewertet haben.

MOSAiC-Projekte des BMBF

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert derzeit acht Projekte mit insgesamt 4,5 Millionen Euro, in denen Forscherinnen und Forscher die auf der größten Arktisexpedition aller Zeiten gewonnenen Daten auswerten und der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stellen. Weitere fünf Projekte im Umfang von 3,7 Millionen Euro beginnen am 1. Juli 2021 mit der Auswertung des Datenschatzes.

Warum sind Polarexpeditionen für die Klimaforschung so wichtig?

Die Arktis ist der Hotspot des Klimawandels: Die Daten der letzten Jahre zeigen, dass die Arktis die Region ist, die sich weltweit am stärksten erwärmt hat. Uns interessiert, warum das so ist und welchen Einfluss diese enorme Erwärmung auch auf unser Klima in der nördlichen Hemisphäre hat.

Wie wird sich der Klimawandel in der Arktis auf unser Wetter in Europa auswirken?

Wir merken schon jetzt, dass es ausgeprägtere Dürre- und Trockenperioden gibt. Das Wettersystem, wie wir es kennen, verändert sich. Rund um den Nordpol zirkuliert eine Luftströmung, die Jetstream genannt wird. Dieser Jetstream bekommt aufgrund der wärmeren Arktis „Ausbeulungen“.  Diese führen einerseits dazu, dass sehr warme Luft in die Arktis gelangt. Das haben wir im letzten Jahr und auch jetzt wieder gesehen, als in Sibirien lange Zeit Temperaturen von über 30 Grad herrschten. Andererseits kommt es zu Kaltluftausbrüchen aus der Arktis, die zu extrem kalten Perioden in unseren Breiten führen.

Inwiefern profitiert die Gesellschaft von der Expedition?

Die MOSAiC-Expedition hat so deutlich wie kaum ein Forschungsvorhaben zuvor gezeigt, dass seitens der Gesellschaft ein enormes Interesse an der Klima- und Polarforschung besteht. Das ist nicht verwunderlich, denn der Klimawandel wird großen Einfluss auf unser aller Leben haben. Die Gesellschaft profitiert von den besseren Klimavorhersagen, denn durch die besseren Vorhersagen kann die Politik handeln und der Klimaerwärmung entschlossen entgegenwirken.

Forscher mit Schlitten und Schneemobil vor dem Expeditionsschiff „Polarstern“ in der Arktis.
Forscher mit Schlitten und Schneemobil vor dem Expeditionsschiff „Polarstern“ in der Arktis. © Alfred-Wegener-Institut/Esther Horvath

Wie trägt die MOSAIC-Mission zur Verbesserung von Vorhersagemodellen bei?

Vorhersagemodelle beruhen auf einer Vielzahl von Annahmen und Vereinfachungen, um das sehr komplexe Klimasystem zu beschreiben. Durch MOSAiC können wir viele dieser Annahmen durch Messwerte ersetzen und dies für das gesamte Jahr.

Nur ein Beispiel von vielen: In den meisten Klimamodellen wird der Schnee noch als homogene Deckschicht auf dem Eis abgebildet. Wir haben jetzt gesehen, dass das im Jahresverlauf nicht zutrifft, sondern dass die Schneedicke sowohl räumlich als auch zeitlich stark variiert. Die Verwendung der MOSAiC-Schneebeobachtungen in Klimamodellen wird den Schnee in den Modellen variabler und realistischer abbilden und hierdurch den Energieaustausch zwischen Atmosphäre und Ozean regional und saisonal deutlich realistischer wiedergeben.

Julia Regnery während der MOSAiC-Expedition
Julia Regnery während der MOSAiC-Expedition. © AWI/ Marcel Nicolaus

Was war für Sie persönlich die wichtigste neue Erkenntnis?

Es hat mich zutiefst beunruhigt, wie angeschlagen das Meereis ist. Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir so schnell so weit in den Norden vordringen können. Wo Eisbrecher vor einigen Jahren noch Probleme hatten, den Nordpol zu erreichen, ist die POLARSTERN in wenigen Tagen wie ein Messer durch warme Butter zum Nordpol geglitten.

Welches Erlebnis wird Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben?

Ganz besondere Momente waren es, wenn wir in den Wintermonaten fernab vom Schiff gearbeitet haben und den Sternenhimmel ohne jegliche Lichtverschmutzung sehen konnten. In den Sommermonaten lieferten die türkis schimmernden Schmelztümpel auf dem Eis magische Anblicke.

Eisbären
Eisbär in der Arktis © Thinkstock

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in der Arktis und meine erste Begegnung mit einem Eisbären war für mich ein sehr besonderes Erlebnis: Ich befand mich damals an Deck der POLARSTERN und konnte mit dem Fernglas einen Eisbären auf Beutezug beobachten. Nachdem er neugierig tapsend unsere Geräte inspiziert hat, hat er sich an ein Eisloch gesetzt und dann stundenlang ausgeharrt. Nach mehreren Stunden habe ich nur eine schnelle Bewegung gesehen und schon hatte er die Robbe, die zum Luftholen aufgetaucht war, in seinen Pranken. Anders als im Zoo, wo alles auf den Menschen ausgerichtet ist, war auf dem Eis sehr klar, dass wir nur schwache Gäste im Eisbären-Revier sind.

Frau Regnery, vielen Dank für das Gespräch.