Netzwerk Bildung Digital: Austausch und Vernetzung über die gesamte Bildungskette

Ende Juni fiel der Startschuss für das Netzwerk Bildung Digital, einem neuen Projekt  im Rahmen der Initiative Digitale Bildung. Während der Auftaktveranstaltung wurde das Vorhaben für die kommenden Monate vorgestellt. 

Anja Karliczek zu Gast beim Netzwerk Bildung Digital
Anja Karliczek zu Gast beim Netzwerk Bildung Digital © Phil Dera

Von der Kita bis zum Studium, von der Berufsausbildung bis zur Volkshochschule: In allen Bereichen unseres Bildungs- und Ausbildungssystems spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle, egal ob es um Fragen der Didaktik, Infrastruktur oder Verwaltung geht. Den bereichssübergreifenden Austausch über Potenziale der Digitalisierung anzuregen, ist das Ziel des Netzwerk Bildung Digital, das vom Forum Bildung Digitalisierung innerhalb der Initiative Digitale Bildung koordiniert und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Eine digitale Lerngemeinschaft – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen

Im Rahmen einer facettenreichen digitalen Auftaktveranstaltung wurde das Projektvorhaben am 30. Juni 2021 vorgestellt. Muschda Sherzada, bekannt als Moderatorin des Tigerenten Clubs, führte durch den Nachmittag. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, machten in ihren Begrüßungsworten die Hintergründe und Absichten des sich im Aufbau befindlichen Netzwerkes klar.

„Wir wollen einen nationalen, digitalen Bildungsraum mit einem gemeinsamen Eingang gründen“, formulierte es Ministerin Karliczek. Von der frühkindlichen Bildung über die Schule bis zum lebenslangen Lernen sollen darin alle Bildungsakteure miteinander zusammenarbeiten, voneinander lernen und für einen einfacheren Übergang zwischen den Institutionen sorgen. „Eine der Gründungsideen des Forum Bildung Digitalisierung war es, den Blick über die gesamte Bildungskette zu wagen“, sagt Jacob Chammon. „Wir haben mit Schule begonnen, aber schnell gesehen, wie wichtig es ist, dass alle miteinander zusammenarbeiten.“

Anja Karliczek zu Gast beim Netzwerk Bildung Digital
© Phil Dera

Vernetzung aller Bildungsbereiche wird zur Notwendigkeit

Wie kann dieser bereichsübergreifende Austausch aussehen? Wie können die unterschiedlichen Akteure eine gemeinsame Sprache finden? Darüber diskutierten im Anschluss stellvertretend für das Partnernetzwerk vier weitere Gäste aus den Bereichen frühkindliche Bildung, Berufsausbildung, Hochschule und Volkshochschule. „Die Lebens-, Arbeits- und Lernbereiche sind immer näher zusammengerückt“, beschrieb Julia von Westerholt, Verbandsdirektorin des Deutschen Volkshochschul-Verbands. Wer heute eine berufliche Weiterbildung besuche, profitiere auch im privaten Bereich davon – und umgekehrt. Dies mache eine Vernetzung aller Bereiche zu einer Notwendigkeit.

Oliver Janoschka, Leiter der Geschäftsstelle des Hochschulforum Digitalisierung, blickte auf die Erfahrungen der Pandemie-Monate zurück: „Im Hochschulbereich hat sich gezeigt: Zusammenarbeit funktioniert!” Man habe während der zahlreichen Lockdowns individuell und auch institutionell nach Lösungen gesucht, auch über Ländergrenzen hinweg. Volker Born, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ergänzte:  „Die Runde zeigt für mich: Viele Fragen sind in den Bildungsbereichen sehr ähnlich.“ Getrieben von den Herausforderungen der Corona-Pandemie sei jetzt der richtige Zeitpunkt, um gemeinsam voneinander lernen zu können. „Ich wünsche mir, dass sich die Partner:innen als Lerngemeinschaft verstehen“, fasste Michael Fritz, Vorstand der Stiftung „Haus der Kleinen Forschung“ seine Erwartungen an das Netzwerk Bildung Digital zusammen.

Wie gelingt die Transformation des Bildungssystems?

Wie eine „echte“ Bildungstransformation gelingen kann, stellte Ekkehard Thümler vom Centre for Social Investment (CSI) der Universität Heidelberg anschließend in seinem Impulsvortrag vor. Am Beispiel der Energiewende skizzierte er die Erfolgsfaktoren für gelungene Systemtransformation, darunter ambitionierte Ziele und Visionen, vielfältige neue Akteure und Technologien – und nicht zuletzt auch die Bedeutung von Krisen. Die Corona-Krise sieht er als „Window of Opportunity“ für das Bildungssystem, weil sie klar vor Augen führe, wie sehr wir eine Transformation benötigen. „Doch wir sind dabei, diese Chance zu verspielen.“ Damit die Transformation in der Bildung gelinge, müssten Bund und Länder, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und digitale Bildungsunternehmen näher zusammenrücken und eine gemeinsame Mission entwickeln.

Claudia Nicolai von der HPI School of Design Thinking in Potsdam widmete ihren Impulsvortrag dem Thema „Zusammenarbeit im Bildungsbereich“. Die Methode des Design Thinking sieht sie als Möglichkeit, um gemeinsam neue kreative Lösungswege für aktuelle Probleme der Bildungstransformation zu finden. Bei dieser gemeinschaftlichen Arbeits- und Denkkultur kommen multidisziplinäre Teams zusammen, um Lösungen für komplexe Fragestellungen zu finden. Vom Design Thinking schlug sie die Brücke zum aktuellen Bildungssystem: Um Kinder und Jugendliche für Jobs und Technologien vorzubereiten, die heute noch gar nicht existierten, seien solch neue Formen der Zusammenarbeit notwendig.

Kick-Off des Netzwerks Bildung Digital am 30. Juni 2021
Kick-Off des Netzwerks Bildung Digital am 30. Juni 2021 © Phil Dera

„Auch Präsenz ist kein Selbstzweck!“

Der Höhepunkt der Veranstaltung war die abschließende, meinungsstarke Panel-Diskussion mit Vertreter:innen aus der Praxis zur Frage: „Digitale Bildung in Deutschland 2021 – Wo stehen wir aktuell?“. Im Angesicht der Corona-Pandemie und der vergangenen Lockdowns diskutierten die Teilnehmenden aus allen Bildungsbereichen über den Wert der Digitalisierung und die Frage, ob diese auf Kosten der persönlichen Begegnung gehe. Während Heidi Thelen-Schulte von der Volkshochschule Herne von „digitaler Übersättigung“ sprach, machten sich die anderen Diskutant:innen für ein zeitgemäßes Lernen im Zeitalter der Digitalität stark, das die Potenziale beider Welten nutze.

„Viele Experten fragen: Brauchen wir Digitalisierung – ja oder nein? Aus meiner Sicht ist das komplett egal“, sagte Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. „Der Prozess ist am Laufen –  und wir müssen ihn mitgestalten.“ Silke Müller, Schulleiterin der Waldschule Hatten, ergänzte: „Wir müssen die Lebenswelt der Schüler:innen ernst nehmen, ein Zurück gibt es nicht mehr.“ Um den neuen Herausforderungen der digitalen Welt zu begegnen, bräuchten Lehrpersonen nicht nur digitale Kompetenzen, sondern vor allem Haltung, etwa zu Fragen der Mediennutzung und des Cyber-Mobbings.  Marcus Lamprecht, Studierender und Vorsitzender der Kommission Lehre, Studium und Weiterbildung der Universität Duisburg-Essen, brachte die Diskussion über den Wert der Digitalisierung auf den Punkt: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Aber auch Präsenz ist kein Selbstzweck!“

Manuela Fischer, Leiterin der Kita Zebra Verde in Köln, machte sich für die Chancen der digital gestützten Pädagogik stark, als sie von ihren Erfahrungen während der Pandemie berichtete: „Wir haben uns gefragt: Wie können wir den Kontakt zu den Familien halten?“ Im nächsten Schritt habe man eine virtuelle Kita gegründet, einen digitalen Morgenkreis eingeführt und sogar zusammen gekocht. „Anfangs war es das blanke Chaos, doch wir sind an den Erfahrungen gewachsen.“ 

Fazit und Ausblick: Über Erfolge und über das Scheitern sprechen

An den eigenen Erfahrungen zu wachsen, und auch an jenen der anderen, genau das ist das Ziel des Netzwerk Bildung Digital. „Wir müssen den Mut haben, mehr miteinander zu teilen, über Erfolge, aber auch über das Scheitern sprechen“, wünscht sich Jacob Chammon. In den kommenden Monaten soll das Partnernetzwerk kontinuierlich um neue Partner:innen ergänzt werden, um möglichst unterschiedliche Erfahrungen aus der Welt der Digitalität einfließen zu lassen – und den, von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek angesprochenen, nationalen, digitalen Bildungsraum immer weiter zu vergrößern.

Der Austausch wird sich dabei entlang von fünf zentralen Monatsthemen bewegen, die für alle Akteure relevant sind: Bildungsgerechtigkeit und Demokratie, Beziehungen, Didaktik und Lernkultur, Qualifizierungsangebote und Bildungsübergänge- und Bildungszugänge. Von Juli bis November können sich die Teilnehmenden in monatlich stattfindenden Dialogformen und Workshops treffen – und dabei gemeinsam an den konkreten Schwerpunkten arbeiten. „Wir stecken mitten in der Transformation“, fasste es Anja Karliczek zusammen. „Wir müssen die Ärmel hochkrempeln!“